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Begegne dem Tod und gewinne das Leben

Allumfassende Liebe spüren viele Menschen bei Nahtoderlebnissen. Autorin Christine Brekenfeld spricht über die spirituelle Kraft.

Während die Angehörigen unglaubliche Ängste ausstehen mussten, beschreiben viele Menschen ihre Nahtoderfahrung als unglaublich schön – warum? 

Christine Brekenfeld: Menschen, die eine Nahtoderfahrung (NTE) erlebt haben, berichten von außergewöhnlichen, für sie selbst als sehr tiefgreifend empfundenen Erlebnissen im Grenzbereich zwischen Tod und Leben. Zum Beispiel sind das außerkörperliche Erfahrungen, die auch als „Out-of-Body-Experiences“ bezeichnet werden, eine Veränderung der Ich-Vorstellung und eine Ausdehnung des Raum- und Zeitgefühls über die sinnliche Wahrnehmung hinaus, bis hin zu einer Einheitserfahrung. Sie berichten von einem unglaublichen Frieden, einer bedingungslosen Liebe und unendlicher Glückseligkeit. Sorgen und Ängste, die mit Vergangenheit und Zukunft verbunden sind, sind nicht mehr existent. Ein Zustand, nach dem sich wahrscheinlich viele Menschen sehnen. Wenn das aus dem Blickwinkel spirituell-mystischer Erfahrungen betrachtet, dann könnte man auch sagen, die Menschen erleben ganz den Augenblick. Denn im Moment des Sterbens oder des geglaubten Sterbens gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr.

Endet die Sehnsucht, diese Gefühle wieder zu erfahren, oft in einer Todessehnsucht? Darin, nicht mehr auf dieser Welt sein zu wollen?

Christine Brekenfeld: Nein, das würde ich so nicht sagen wollen. Es geht sehr viel mehr darum, einen Weg zu finden, die NTE gut in das eigene Leben zu integrieren. Nahtoderfahrene stecken oft in einem Dilemma: Die Konfrontation mit der plötzlichen und unerwarteten bewusstseinserweiternden Erfahrung, die über das bis dahin bekannte Wahrnehmungsgeschehen hinausgeht, gepaart mit dem anschließenden, sich wie von selbst entwickelnden Veränderungsprozess der gesamten Lebensauffassung, dessen Dynamik sich der Erlebende hilflos ausgeliefert fühlen, kann das bisherige Selbst- und Weltbild, bis hin zur gesamten Persönlichkeit in erheblichem Maß erschüttern. Andererseits kann eben auch dieser Wunsch entstehen, in das unglaublich beglückende Erleben der Nahtoderfahrung zurückzufinden. Denn in ihrer Wahrnehmung sind die positiven Erfahrungen für sie eindeutig mit dem Sterbeerlebnis verknüpft.

Nahtoderfahrene finden oft keine Worte für ihr Erleben oder trauen sich nicht, sich ihrem näheren Umfeld mitzuteilen. Aus Angst, auch von Therapeuten nicht verstanden zu werden, scheuen viele Menschen die Suche nach Unterstützung. Für manche bin ich die erste Person, mit der sie überhaupt über ihre Erfahrung sprechen. Genau an dieser Stelle liegt aus meiner Sicht eine der größten Schwierigkeiten dafür, die Erfahrungen gut ins Leben zu integrieren. Auch die Erkenntnis, dass in irdischen Beziehungen eine bedingungslose Liebe dieser Art nicht zu finden ist, bleibt für viele noch lange oder sogar lebenslang problematisch. So rutschen viele Nahtoderfahrene in eine Sinn- oder spirituelle Krise.

Lässt sich diese Sehnsucht überhaupt auf Erden stillen?

Christine Brekenfeld: Eine Klientin in einer Sitzung: „Seither weiß ich, dass alles andere, mein ganzes Leben, ein Traum und nicht wahrhaftig ist.“ Und sie fragte mich, ob es im Leben eine Möglichkeit gebe, wieder ganz in diese Essenz ihres Seins zu finden. Schon seit Jahrtausenden begeben sich Menschen auf eine innere Suche. Geleitet von einer Sehnsucht, von der zunächst meist unklar ist, auf was sie sich eigentlich richtet. Viele Menschen erzählen mir, dass es eine Sehnsucht ist, die sich auf wirkliche Freiheit und wirkliches Glücklichsein richtet. Es ist eine Sehnsucht nach genau der Erfahrung, die Nahtoderfahrene berichten. In den mystisch-spirituellen Traditionen sind solche Erfahrungen beschrieben und werden Erwachen oder Erleuchtung genannt. In fast allen spirituellen Wegen ist die Aufforderung enthalten, sich ganz dem Augenblick hinzugeben. Dabei ist gar nicht so einfach zu verstehen, was mit dem Jetzt gemeint ist. Denn vielen Menschen ist der gegenwärtige Augenblick nicht wirklich bewusst. Und die wirklich spannende Frage ist ja auch, wie finde ich eigentlich in den gegenwärtigen Augenblick.

Um das zu verstehen hilft ein einfaches Modell unserer inneren Wahrnehmungsebenen. Stellen wir uns eine horizontale Achse, die Raum-Zeit-Achse, und einer vertikalen Achse vor, mit einem Schnittpunkt in der Mitte der horizontalen Achse vor. Im normalen Alltagsbewusstsein pendelt unsere Aufmerksamkeit in der Regel auf der horizontalen Achse zwischen der Zukunft und der Vergangenheit hin und her: ein stetiger Gedankenstrom, der durch einen Teil unseres Verstandes genährt wird und der entweder mit Erinnerungen oder mit Erwartungen und Planen beschäftigt ist. Dieser Gedankenstrom ist so präsent und stark, dass er uns glauben lässt, wir seien das, was wir denken. Zugleich hindert er uns daran, den gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen: die Bewegung in der Vertikalen. Der gegenwärtige Augenblick, am Schnittpunkt der beiden Achsen, ist sozusagen das Eingangstor zur spirituellen Dimension, durch das wir entdecken, worauf sich unsere Sehnsucht richtet: auf das, was wir wirklich sind. Die vertikale Bewegung ist eine Bewegung nach innen und unten und führt aus den Gedanken in andere, tiefere Wahrnehmungsebenen unseres Organismus. Im Annehmen und Ergeben in diesen einen Augenblick hinein kann diese Sehnsucht auch im Leben gestillt werden. Und diese innere Bewegung beginnt mit Hingabe, mit „loslassen“ und „geschehenlassen“. Dazu stelle ich in meinem Buch einfache Übungen vor, die im alltäglichen Leben gut angewendet werden können.

Sie schreiben, dass Ihre eigene Begegnung mit dem Tod der Anfang einer Reise mitten ins Leben war. Was nahm Ihnen die Angst vor dem Leben?

Christine Brekenfeld: Meine Nahtoderfahrung war eine völlig unerwartete und überwältigende Begegnung mit den unbegrenzten Dimensionen des eigenen Bewusstseins. Durch dieses Ereignis war ich zum ersten Mal mit meiner Sterblichkeit konfrontiert und mit der überwältigenden Todesangst. Obwohl ich schon immer ein Mensch mit vielen Ängsten war: Mit Todesangst war ich bis dahin noch nie unmittelbar in Kontakt gekommen. Die Angst, an einem inneren Abgrund zu stehen, war mir dagegen sehr gut bekannt. Sie begleitete mich, seit ich denken konnte, und äußerte sich als Angst vor dem Leben und vor der Welt. Heute weiß ich, dass unter meiner Angst vor dem Leben die Angst vor dem Tod schlummerte.

An dem Morgen als ich meine Nahtoderfahrung erlebte, war alles hinfällig, was ich mir 38 Jahre lang zurechtgelegt hatte, um meinen Ängsten zu entkommen. In dem Moment, als ich glaubte, selbst zu sterben, funktionierte es nicht mehr. Eine ungeheure, übermenschliche Kraft hatte mich erfasst, gegen die ich mich nicht mehr wehren konnte. Es fühlte sich wie ein Sturm an, der über mich hinwegfegte und dem ich hilflos ausgeliefert war. Die Einsicht traf mich mit voller Wucht: Es ist eine komplette Illusion zu glauben, das Leben in der Hand zu haben. Jetzt hatte das Leben mich in der Hand.

Wie haben Sie Ihre eigenen Nahtoderfahrung erlebt?

Christine Brekenfeld: In dem Augenblick, als ich aufgehört habe gegen den Tod anzukämpfen, mich zu ergeben, schoss mein Bewusstsein über den Körper hinaus. Ich war nun außerhalb meines Körpers und konnte aus einem anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse schauen. Dann wurde ich von einem Sog in einen Strudel, in eine Enge gezogen. Am Ende dieser Enge war etwas wunderschönes helles, strahlendes Lichtes. Dort wollte ich auch hin. Als ich mich diesem Licht näherte, bin ich dort mitten hineingeschmolzen. In Frieden, Liebe, Stille und Glückseligkeit hinein. Es war das Schönste, was ich bis dahin erlebt hatte. Es war ein Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Eins sein und Verbunden mit allem.

Sind Sie in der geistigen Welt Engeln begegnet?

Christine Brekenfeld: Nein, Engeln oder sonstigen Lichtwesen bin ich nicht begegnet.

Warum bleibt man dann eigentlich nicht in diesem eigentlichen Zuhause, wenn es dort so schön ist und kommt wieder zurück?

Christine Brekenfeld: Innerlich Loslassen und Sich-Hingeben hört sich erst einmal sehr einfach an, ist dann aber doch nicht so leicht. Es ist so, als ob man vom 10-Meter-Turm springen möchte. Es ist einfach dort hoch zu klettern, auch runterspringen ist eigentlich leicht – abstoßen und springen. Und trotzdem ist es nicht ganz einfach! So als ob dem etwas im Wege stünde. Trotz meiner Nahtoderfahrung gab es alte Muster, Konditionierungen und Verstrickungen auf der biografischen Ebene, die mich daran gehindert haben, mich wirklich wieder ganz dieser inneren Tiefe hinzugeben. Auf meinem Weg habe ich gelernt, dass es genau darum geht: zu erforschen, was mir im Wege steht,  es immer wieder zu erspüren und anzunehmen und dadurch immer mehr loszulassen. Menschliches Wachstum wird durch die Lösung von Verstrickungen und Blockaden und durch Bewusstwerdung ermöglicht. Das Lösen persönlicher Konflikte fördert das persönliche Wachstum, und das wiederum ist Voraussetzung für spirituelles Wachstum.

Kann man dem Tod begegnen, ohne tatsächlich zu sterben?

Christine Brekenfeld: Ja, es ist möglich dem inneren Tod im Leben zu begegnen. Der körperliche Tod und die Geburt sind die einzig sicheren Tatsachen des Lebens. Geboren sind wir schon. Jetzt geht es darum, sich der einzigen Tatsache, die sicher noch auf uns zukommen wird, ebenfalls zu stellen. Es geht weder darum zu sagen: „Ich habe keine Angst vor dem Tod“, noch: „Ich wünsche mir den Tod, dann ist endlich alles vorbei.“ Es bedeutet, nichts zu wissen, nichts zu haben, keine Pläne mehr zu haben, keine Kontrolle mehr zu haben. Der Tod ist in jedem Moment erfahrbar – als das innere Nichts, die innere Bodenlosigkeit, auch als der Tod eines jeden Augenblicks, der doch unendlich ist, obwohl er so schnell auf- und wieder untertaucht.

Und deshalb ist mein Buch nicht nur für Menschen mit einer Nahtoderfahrung interessant, sondern für jeden der einmal sterben wird. Anhand der Übungen des Loslassens ist es möglich zu erforschen, was dich noch hindert, dich dem Tod im Leben vollständig hinzugeben.

Interview: Jessica Hirthe

Buch-Tipp

Christine N. Brekenfeld
Begegne dem Tod und gewinne das Leben
Verlag: arkana
ISBN: 978-3-442-34223-5
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Über die Autorin

Über die Autorin

Christine Brekenfeld war hochschwanger, als sie in eine lebensbedrohliche Situation geriet und ein Nahtoderlebnis hatte. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie entwickelte einen hilfreichen Ansatz, das transformierende Potenzial für sich und andere zu nutzen.

 

 

 

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