Der Teufel im Detail
© www.sanfrancesco.org
Enzo Fortunato ist Mönch in der „Basilika San Francesco“ im italienischen Assisi und arbeitet dort als „Direttore della Rivista“, was etwa bedeutet, dass er für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Seit Anfang November hat er mehr als üblich zu tun, denn er muss erklären, wie der Teufel (und wenn nicht der Leibhaftige, dann zumindest ein Dämon) in die Basilika hat Eingang finden können.
Die Basilika San Francesco
Die Basilika ist dem Heiligen Franz von Assisi geweiht, dem Vorreiter des Franziskanerordens. Als Franz von Assisi sein Ende nahen fühlt, lässt er sich eilends in die drei Kilometer unterhalb der Basilika stehende Kapelle tragen, in die Portiuncula, wo er am 3. Oktober 1226 im Kreis seiner Gefährten stirbt. Sein Leichnam wird danach zurück in die Stadt gebracht und am Hang des Berges Monte Subasio begraben.
Am Monte Subasio werden in jener Zeit die Verbrecher hingerichtet, hier will Franz in Erinnerung an Jesus Christus beerdigt werden, der ja auch an einer Hinrichtungsstätte den Tod fand. Zwei Jahre später, Franz ist soeben heilggesprochen worden, beginnt über der Grabstätte der Bau der Basilika.
Wie das so ist in der damaligen Zeit, erhalten hochrangige Künstler den Auftrag zur Gestaltung der Kirchenräume. Einer dieser Künstler ist der Florenzer Giotto di Bondone. Eine Statue zeigt ihn als ernst und streng blickenden Menschen, der gewohnt ist, dass man seinen Befehlen folgt. Es geht die Legende, dass er einem Papst, der eine Probearbeit von ihm haben wollte, nichts weiter zeichnete als einen Kreis. Freihändig und perfekt. Und es geht die Sage, dass die Fresken in der Basilika San Francesco gar nicht von ihm selbst, sondern nur aus seiner Werkstatt stammen, also von Angestellten gemalt wurden. Das mag so sein, aber eines darf als sicher gelten: Nicht seine Angestellten, nur Giotto persönlich hat damals entschieden, was gemalt wurde. Und hier kommt Enzo Fortunato wieder ins Spiel.
Was der Teufel in einem Fresko zu suchen hat
„Beim Tod eines Menschen treten zwei Figuren auf den Plan“, schildert der Mönch Fortunato, was die Menschen im ausgehenden Mittelalter an der Grenze zur Renaissance glaubten. „Es kommt ein Engel, der die Guten in den Himmel begleitet, und ein Teufel, der die armen Sünder in die Hölle mitnimmt.“ Giotto hat diese Szene in einem Fresko festgehalten. Franz von Assisi wird in seinem ärmlich-schmutzigen Büßergewand ins Grab gelegt, nicht nur ein Engel, nein zehn Engel weisen den Weg zum lichten, hellen Himmelreich. Von einem Teufel aber keine Spur. Zumindest 800 Jahre lang nicht.
Ein Erdbeben, die Restaurierung und das große Staunen
Am 26. September 1997 erschüttert ein Erdbeben die italienische Region Umbrien. In Assisi stürzen Häuser ein, die Basilika San Francesco wird beschädigt – die Fresken scheinen unwiderruflich verloren.
In den folgenden Wochen werden knapp 1.300 Tonnen Schutt aus dem Gotteshaus geräumt und vorsichtig gesiebt. Ein unglaubliches Puzzle türmt sich vor den Restaurateuren auf: Stein wird auf Stein gerückt, die einzelnen Stückchen aus dem Schutt werden katalogisiert und kommen zurück an ihren Platz. Rechtzeitig zum heiligen Jahr 2000 kann die Basilika der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden, aber die Arbeiten für die Restaurateure und Historiker gehen weiter. Und so macht elf Jahre später die Historikerin Chiara Frugoni eine erstaunliche, überwältigende Entdeckung: Auf dem Fresko der Grablegung entdeckt sie die Fratze eines Dämons – am Rande der lichten Wolke, die der Seele des Heiligen Franz von Assisi den Weg ins Himmelreich leuchten soll!
Der Teufel steckt im Detail
Wenn man vor dem Fresko steht, muss man, um die Fratze zu erkennen, den Kopf leicht nach links neigen und auf den rechten Rand der Wolke schauen. Wenn man sie dann mit dem Blick erfasst hat, ist es eindeutig: Giotto hat den Teufel ins Bild gemalt! Spitze Nase, strenges Kinn, bösartiges, diabolisches Grinsen und Hörner! Ein raffiniertes Detail, das man im Grunde nur sieht, wenn man weiß, worauf man achten muss, wohin man schauen muss. Nur allzu verständlich, dass dieses Detail 800 Jahre lang übersehen wurde und sich erst dem „Röntgenblick“ einer Historikerin enthüllte.
Giotto hat also ganz dem Glauben der damaligen Zeit nach gehandelt: Beim Tod eines Menschen kämpfen zwei Figuren um die Seele – Engel und Teufel. Dass bei einem so aufrechten Mann wie dem Heiligen Franz von Assisi der Teufel absolut chancenlos bleibt, hat Giotto genial gelöst: im Dunst der Wolken, am Rande des Geschehens, mit dem Blick nach außen. Der Teufel spielt keine Rolle!
Ein Video über die Entdeckung und Bedeutung des Funds (auf Italienisch)
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Das Fresko 20: Grablegung des Heiligen Franz von Assisi |
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Detailausschnitt I der Wolke |
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Detailausschnitt II der Wolke © alle Bilder www.sanfrancescopatronoditalia.it |
Freskenzyklus von Giotto »Das Leben des Francesco«
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