Spiritualität im Film Hereafter: Gibt es ein »Danach«?

In Meisterwerk „Hereafter" schickt Regisseur Clint Eastwood den Schauspieler Matt Damon in die Welt der Spiritualität und stellt die Frage: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“

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„Mit einem Erdbeben beginnen und dann ganz langsam steigern“, hat er von seinen Drehbuchautoren gefordert, der amerikanische Produzent Samuel Goldwyn (1882-1994). Allem Anschein nach kennt Paul Morgan nur den ersten Halbsatz, denn der Drehbuchautor von „Hereafter“ schaltet den Film nach einer sowohl dramatischen wie auch peinigenden Präsentation des Tsunami von 2004 um mehrere Gänge zurück in das Tempo, das die Filme von Regisseur Clint Eastwood seit Jahren auszeichnet: Es wird einfach nur erzählt. Und man möchte anfügen: Gott sei Dank!

Die drei Geschichten im Film „Hereafter“ von Clint Eastwood

Das Berückende an Märchen ist ihre einfache Erzählstruktur: Sie schildern Leben und Abenteuer eines einzigen Protagonisten, mehr gibt es nicht. Auch wenn „Hereafter“ in mancherlei Hinsicht märchenhaft wirkt, ist der Film doch zugleich alles andere als ein Märchen: Morgan erzählt die Geschichte dreier Personen – und wenn man „Geschichte“ nicht allzu eng sieht, lernt man sogar vier Personen mehr kennen: mitsamt ihren Sorgen, Nöten und Motiven. All diese Geschichten innerhalb der großen, der Rahmengeschichte um Verlust, Verzweiflung, Sehnsucht und Jenseitsvorstellung, flicht Drehbuchautor Morgan mit leichter Hand zu einem Bündel an Menschlichkeit, das von Eastwood wiederum in ruhigem Erzähltempo verdichtet wird.

George (gespielt von Matt Damon) hat sich zu einem Bruch mit seinem bisherigen Leben durchgerungen: Seine Fähigkeit als Medium, zu dem die Toten sprechen, hat er mehr als Last denn als Gabe empfunden und sie zurückzudrängen versucht – ganz zum Bedauern seines Bruders Billy (Jay Mohr), der das Geschäft ankurbeln will, das die Brüder bereits vor Jahren zum Erfolg geführt hatten mit Website, Buchprojekten und „Readings“, jenen Sitzungen, in denen George Kontakt aufnimmt zu den Verstorbenen. George wird im dritten Akt des Films eine weitere Wandlung durchlaufen: Auch seinem neuen Leben als einfacher Arbeiter sagt er adieu und macht sich auf nach London.

In London hat Monate zuvor Marcus (Frankie McLaren) seinen Zwillingsbruder durch einen Unfall verloren. Marcus‘ drogensüchtige Mutter Jackie (Lindsey Marshall) zerbricht an ihrer Hilflosigkeit, ihrem Sohn kann sie keine Stütze mehr sein, Marcus kommt in einer Pflegefamilie unter. Ihm, dem introvertierteren Zwilling, scheint sämtliche Kraft zu schwinden, die er und sein Bruder gemeinsam besaßen. Es gibt eine zu Herzen gehende Szene, als die beiden den Geburtstag ihrer Mutter vorbereiten, den diese im Rausch torkelnd nicht wahrnimmt. Ohne seinen Bruder ist Marcus nur halb – er sucht nach Hilfe bei Medien, die sich paranormaler Fähigkeiten rühmen.

Und schließlich der Auftakt des Films: die Katastrophe in Thailand, wo der Tsunami die Journalistin Marie (Cécile de France) mitreißt und tötet. Marie wird wiederbelebt, ihre Erfahrung an der Schwelle zum Tod entwickelt sich nach und nach zu einer Form von Desorientiertheit, die mit der Schwäche von Marcus‘ Mutter korrespondiert: Marie wird mit ihrem bisherigen Leben nicht mehr fertig, und auch sie gibt ein „Kind“ auf: Das Buch, das sie schreiben soll über die Verfehlungen des Francois Mitterand, sie kann es nicht schreiben. Statt dessen macht sie sich auf die Suche nach der Realität hinter ihrem Erlebnis und entdeckt eine Welt, die sie bis dato nicht kannte. Darüber schreibt sie ein Buch (es trägt den Titel „Hereafter – das Leben danach“). Ihr altes Leben mit dem Produzenten Didier (Thierry Neuvic) als Liebhaber entpuppt sich als Lüge, Stück für Stück begibt sie sich in ihr neues und erneut erfolgreiches Leben, auf der Buchpräsentation in London wirkt Marie in sich ruhend, ausgeglichen. In London kreuzen sich die Wege der drei Protagonisten.

„Hereafter“ bezieht seine Stärke aus der Stille der Inszenierung

In „Hereafter“ also geht es um das Leben nach dem Tod, genauer: um die Frage, ob nach dem Tod überhaupt „etwas“ ist. Es geht um das Überschreiten einer Grenze – etwas, was die filmische Visualisierung selbst an ihre Grenze bringt. Mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln digitaler Technik ließe sich hier sicherlich Überwältigendes inszenieren. Eastwood erliegt dieser Versuchung nicht. Seine Gestaltung des Jenseits beschränkt sich auf verwaschene, unscharfe Konturen in lichtdurchfluteter Raumlosigkeit, durch die sich Schemen bewegen, die Verstorbenen. Das alles erinnert ein wenig an „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, als die Fremden ihr Raumschiff verlassen, und kommt elegant zurückhaltend auf die Leinwand.

Die Qualen der Protagonisten vertragen keine pompöse lautstarke Inszenierung. Wer Innerlichkeit darstellen will, sollte, anders als es beispielsweise Peter Jackson in dem vom Sujet her ähnlichen Film „In meinem Himmel“ getan hat, den leisen Tönen die Führung überlassen. Eastwood beherrscht diese Kunst (wie auch schon in „Gran Torino“) auf bewunderungswürdige Weise.

Clint Eastwood: Komponist, Regisseur und Produzent von „Hereafter“

Sparsam nur wird Musik als Gestaltungselement eingesetzt – ganze Passagen, die komplett auf musikalischen Hintergrund verzichten. Und wenn sich die Musik einmal einschaltet, besteht sie aus sich geradezu spröde gebenden Klavierklängen und aus dezenter Streichermusik, die sich um die Szenen rankt wie die Rosenhecken um Dornröschen: Sie schützen die Intimität. Eastwood selbst hat die Musik geschrieben wie in manch anderem seiner Werke auch (Million Dollar Baby, Der fremde Sohn, Invictus). Bei aller Einfachheit ist sie weit entfernt von Banalität, mittlerweile lässt sie ihre eigene Handschrift erkennen: Klaviertöne, die ins Geschehen hineinschlüpfen wie aus einem tröpfelnden Hahn, Töne, welche die Zeit dehnen und die Stille konturieren.

Die Stille als Gestaltungselement; die Sensibilität als Kontrapunkt zum Spektakel beispielsweise eines Hau-drauf-Kinos a la „Tron: Legacy“ – auch dafür werden Filme gemacht. Große Kunst, mutige Kunst, denn man darf sicher sein: Keines der großen Produktionsstudios hätte sich an diesem Stoff die Hände verbrennen wollen.

Man hat dem Film bisher einiges vorgeworfen; dass er kitschig sei, langatmig, unausgegoren. Vielleicht spiegeln die beiden Äußerungen eines Geschwisterpaares wider, was der Film beim Betrachter auslösen kann: „Ich habe noch nie so viel in einem Film geweint“, sagt die 17-jährige Paula F., und ihr 20-jähriger Bruder entgegnet: „Stellt sich die Frage, was denn die Aussage des Films ist“. Vielleicht sollte man ihm und anderen Skeptikern sagen: „Dieser Film ist. Vertraut ihm euch an.“

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