Prof. Dr. Markolf H. Niemz ist Physiker und Professor für Medizintechnik an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Medizinische Fakultät Mannheim). Seine Forschungen zur Lasermedizin wurden 1995 von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften mit dem Karl-Freudenberg-Preis ausgezeichnet. Mit populärwissenschaftlichen Büchern wie Lucy mit c, Lucy im Licht und Lucys Vermächtnis belebt Niemz den Dialog zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Religion. Seine didaktisch vorbildlichen Vorträge und Lesungen sind regelmäßig ausgebucht.
Wie kommen Sie als Physiker dazu, über die Ewigkeit nachzudenken?
Niemz: Ich möchte nicht überheblich wirken, aber ich glaube, mir ist etwas Ungewöhnliches gelungen: ein Weltbild, in dem sich die Naturwissenschaften und alle religiösen Überzeugungen wiederfinden können, auch der Atheismus. Ich begreife das Jenseits als Ewigkeit und als Nirwana. Ewig heißt allliebend (räumlich distanzlos) und allwissend (zeitlich distanzlos). Nirwana bedeutet Ichlosigkeit. Seit Einstein wissen wir, dass räumliche und zeitliche Distanzen nur relativ sind. Distanzen hängen davon ab, wie schnell ich mich relativ zu etwas bewege. Bei einer Bewegung mit Lichtgeschwindigkeit schrumpft jede Distanz auf den Wert null: Die Ewigkeit existiert tatsächlich – im Licht!
Warum glauben Sie nicht mehr an ein Leben nach dem Tod?
Niemz: Weil ich erkannt habe, wie unlogisch ein Leben nach dem Tod wäre. Die Ewigkeit kann nicht mit dem Tod beginnen, weil sie weder Anfang noch Ende hat. Somit trennt der Tod das Jenseits nichts vom Diesseits, sondern das Jenseits ist eine Projektion des Diesseits. Im Diesseits schaffen wir erst die Liebe und das Wissen, aus denen das Jenseits besteht. Im Gespräch mit vielen Nahtoderfahrenen entstand meine Hypothese, dass die Seele (was ich jemals liebe und weiß) beim Sterben auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wird. Die Liebe und das Wissen stufe ich deutlich höher ein als das Ich, weil es im Sterben vor allem auf eines ankommen soll: vom Ich loszulassen.
Worin unterscheiden sich die drei Lucy-Bücher?
Niemz: Lucy vollzieht in meinen drei Büchern selbst eine Entwicklung. Lucys Vermächtnis ist das jüngste Buch und steht für Lucys Weltbild im Jahr 2009. Lucy im Licht entstand im Jahr 2007, Lucy mit c im Jahr 2005. Im jüngsten Buch tritt Lucy als eine Art Sokrates auf: Sie stellt insgesamt 25 Fragen zum Leben und zum Tod und beantwortet diese gemeinsam mit ihren Leserinnen und Lesern. Grundsätzlich empfehle ich immer, das jüngste Buch zuerst zu lesen, weil es Lucys aktuelle Gedanken enthält. Meine früheren Werke sind jedoch weiterhin erhältlich, um damit Lucys Entwicklung zu dokumentieren. Reifen ist menschlich!
Was motivierte Sie zur Gründung der Stiftung Lucys Kinder?
Niemz: Mit dieser Stiftung setze ich das um, was ich selbst von Lucy gelernt habe: Liebe und Wissen sind die wichtigsten Werte im Leben. Zur Zeit fördert die Stiftung Lucys Kinder den Neubau einer Schule in Zentralindien, einer der ärmsten Provinzen des Landes. Die Bhil-Ureinwohner weisen mit 85 Prozent die höchste Analphabetenrate in Indien auf. Die Stiftung Lucys Kinder setzt sich dafür ein, dass auch Kinder aus den ärmsten Ländern dieser Welt Liebe fühlen und Wissen lernen können. Lucy wünscht sich, dass wir deutlich mehr Verantwortung für andere übernehmen. Großzügige Spenden zeigen mir, wie gut diese Idee angenommen wird.
(Das Interview liegt im Original auf der Homepage des Autors. Abdruck des Interviews erfolgt mit Genehmigung des Autors.)
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