Ein Gespräch mit Nina Ruge über Einkehr und Glücksmomente

Wer zu sich selber findet, kommt an einen besseren Ort, wo die Sonne ist (Foto: shutterstock.com; Wolfgang Breiteneicher für SchneiderPress)

Der Himmel ist grau. Uns friert in der Kälte des Alltags. Wer zu sich selber findet, kommt an einen besseren Ort, wo die Sonne ist. Die Moderatorin Nina Ruge bringt uns auf den Weg nach Hause, zu uns selbst, in die Heimat unserer Lebensfreude. Ein Gespräch mit ihr über die innere Einkehr für Gestresste, über die Glücksmomente mit dir selbst und Fernreisen unter der Dusche, die dich in den unbesiegbaren Sommer führen, der in uns wohnt:

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Wer nicht tiefer schaut, als die Brille seiner Vorurteile zulässt, übersieht die Menschen. Übersieht den Mensch im Menschen. Ich hab nicht tiefer geschaut, als ich am 3. Februar 1997 Nina Ruge die Hand schüttelte. Es war bei der Feier zu ihrer ersten Leute-heute-Sendung. Und die Moderatorin war für mich die charmante, strahlende Karrierefrau, die es im Männerverein ZDF weit gebracht hatte. Eine eigene Sendung, sogar ein Boulevardmagazin zur besten Sendezeit im bieders­ten deutschen Sender, das war für mich schon Revolution genug, damals.

Wer fragt denn da nach dem wahren Wesen hinter dem Kamera-Lächeln! Ich nicht, damals nicht. Nun gut, ihre sanfte, weiche Stimme, ihre eigentümliche Wärme, die sie im kalten Licht des TV-Studios ausstrahlte, hätte mir auffallen können, mich neugierig machen können. Machte es mich nicht, damals nicht.


Heute, 17 Jahre später, sitzt sie mir in München, im Foyer des Bayerischen Hofs gegenüber. Strahlt, vielleicht noch ein bisschen souveräner, gelassener als damals, aber das kann Einbildung sein. Nina Ruge, die spirituelle Autorin, die ein traumhaftes Buch hingelegt hat: "Der unbesiegbare Sommer in uns". Eine Art Reiseführer zum inneren Kraftort in uns, ein Ort, an dem wir wachsen, ganz wir selbst sein können. Ein Buch auch über ihre eigene lebenslange Suche, über ihren langen spirituellen Weg, den ich ihr nicht zugemutet hätte, damals, 1997.


"Ihr Buch hat mich schwer beeindruckt, Frau Ruge", sage ich. "Diese Ruge kannte ich nicht. Wir sind ja Etikettenkleber. Und für mich wie sicherlich für viele Menschen in Deutschland waren Sie die Alles-wird-gut-Ruge, wie ihr täglicher Spruch am Ende ihrer Sendung hieß. Für mich klebte an Ihnen das Etikett der Promi-Ruge ..."
"War ich nie!", protestiert sie. "Natürlich werde ich ständig mit dem Etikett konfrontiert. Aber auch während der zehn Jahre ‚Leute heute’ habe ich die politische Talkshow bei 3sat weitermoderiert, habe Wirtschaftsveranstaltungen moderiert und war nie nur die ‚Promi-Ruge’. Ich war die Frau, die total Spaß daran hatte, dieses Format aufzubauen. Ich würde mich nie davon distanzieren. Aber seit ich ‚Leute heute’ aufgegeben habe, fand ich ganz schnell wieder zurück zu Politik, Wirtschaft, Technologie; ich mache kaum noch Glamour-Veranstaltungen."
"Darauf wollte ich eigentlich gar nicht raus, Frau Ruge. Politik – okay. Wirtschaft – okay. Aber die Spiritualität – die ist mir bei Ihnen entgangen bis zu diesem Buch. Die war irgendwo versteckt. Wo war Ihr unbesiegbarer Sommer?"
Sie sagt: "Ich habe mich jetzt erst getraut, das aufzuschreiben, womit ich mich mein Leben lang beschäftige. Und natürlich ist mir auch beim Schreiben vieles bewusster geworden. Aber die lebenslange Suche, die ich beschreibe, war schon immer ein Teil von mir. Während ich ‚Leute heute’ machte, habe ich so wenig geschlafen und so viel gearbeitet, dass es durchaus eine große Lücke gab zwischen dem, was ich suchte, und dem, was ich lebte."
Nina Ruge kommt aus einer Akademikerfamilie. Streng, liebevoll, ernst. Der Vater ist Professor. Die Mutter, die Medizin studiert hat, erkrankt an Krebs, überlebt. Die Angst bleibt, was man den Kindern verschweigt. Nina wird ein extrem schüchternes Kind, das sich an die Liebe der Eltern klammert.
"Sie beschreiben sehr eindrucksvoll, wie sich die verdrängte Angst Ihrer Eltern auf Ihre Psyche übertragen hat", sage ich. "Das setzt eine außergewöhnliche Spiritualität und Beschäftigung mit den Dingen voraus. Eine Tiefe, die mir verborgen blieb, die ich nicht vermutet hätte."
Nina Ruge sagt: "Ich glaube nicht, dass es viel Sinn macht, Tiefe auszustellen. Aber wer mich ein bisschen näher kennt, der wird sofort spüren, dass ich auch eine andere, weniger sichtbare Seite habe. Ich habe mich sehr intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt, auch mit unserer Psyche, auch während der Arbeit bei ‚Leute heute’. Aber hätte ich deshalb Ihnen damals sagen sollen: ‚Ich beschäftige mich mit dem Buddhismus.’ Da ist man doch ganz schnell in der esoterischen Ecke und wird überhaupt nicht mehr ernst genommen. Heute stehe ich offen dazu."
Ich war damals Chefredakteur eines People-Magazins. Eben so ein Promi-Fuzzi, deshalb bei Nina Ruge eingeladen, die mich ein paarmal in ihre Sendung holte, wobei ich auch nicht tiefer schaute, ziemlich viel übersah, damals.
Meine Frage: "Sie schreiben, mit Dankbarkeit und Liebe zum Leben schaffe ich einen Zugang zum unbesiegbaren Sommer in mir. In der U-Bahn zu unserem Treffen sah ich in sehr viele verbitterte, ernste Gesichter voller Sorgen. Menschen, denen es sehr schwerfällt auch noch dankbar zu sein ..."
Nina Ruge: "Ich bin für UNICEF in der ganzen Welt unterwegs, ich war jetzt in Kambodscha, war in Nigeria, und habe auch sehr arme Menschen getroffen, die glücklich schienen. Mal abgesehen von den Tausenden in den furchtbaren Slums sah ich Menschen, denen es trotz Hunger gelang, dankbar zu sein für das Geschenk des Lebens. In unsere Kultur brauchen wir eine Lebensschule, in der wir ganz früh beginnen, nicht im Außen zu suchen. Wir sind darauf trainiert, uns nur auf das Denken zu verlassen, und darauf, dass von außen das Glück kommt."

"Wobei eben der unbesiegbare Sommer in uns selbst wohnt. Ein wunderbarer Gedanke, der wohl viele Menschen berührt, wie mich, Frau Ruge."
"Der ist ja geklaut – von Camus", sagt sie.
"Das weiß ich, Sie zitieren ja in Ihrem Buch Camus: ‚Mitten im Winter erkannte ich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.’ Faszinierend. Man muss das Leben wahrnehmen, wertschätzen, um zum unbesiegbaren Sommer zu gelangen, sagen sie. Aber nehmen wir mal an, morgen geht es mir schlecht, morgen bin ich krank, habe ich kein Geld mehr – was soll ich denn dann noch wertschätzen? Wie kann ich den unbesiegbaren Sommer zum Dauerzustand machen?"
Nina Ruge: "Wir müssen einen Bewusstseinszustand jenseits des Verstandes erreichen. Dafür müssen wir üben, meditieren. Nur dann, wenn ich mir bewusst mache, dass es einen Raum in mir gibt, der nicht durch den Verstand erreichbar ist, funktioniert es. Wenn ich krank bin, wenn mich mein Partner verlassen hat, dann hilft es mir natürlich nicht, zu sagen, dass ich das Leben wertschätzen soll. Sondern ich muss annehmen, was gegeben ist, muss akzeptieren, dass ich jetzt in dieser Situation bin. Ich werde übermorgen nicht der strahlende Stern sein. Aber ich nehme an und akzeptiere das, was nicht zu verändern ist. Ich akzeptiere die Krankheit oder ich akzeptiere das Verlassensein und bin zugleich dankbar dafür, dass ich die Kraft des Lebens in mir spüre. Ich spüre den unbesiegbaren Sommer, der in mir wohnt."

Nina Ruge war früh auf der Suche nach ihrem Sommer. Mit 16 ist sie links außen in der kommunistischen Studentenszene, mit 17 Abi, WG, null Geld. "Die Achtundsechziger hatten die Mauern niedergerissen, und nun testeten wir aus, was sich hinter den Fassaden der starren gesellschaftlichen Vorgaben befand", schreibt sie. Bhagwan, Yoga, Selbsterfahrungsgruppen, Sufi-Tanz, Psychokurse, lila Latzhose, Hermann Hesse, Buddha, das war ihr Leben. Und meines: Ich war 68er, in meiner ersten Wohnung unterm Dach hing Albert Camus mit der Zigarette im Mund, und später war ich der Promi-Fuzzi …

"Warum gehen wir so viele Umwege, warum machen wir immer was anderes, bevor wir das Richtige tun?", frage ich Nina Ruge.
Sie sagt: "Eckhart Tolle sagt: Die Zeit ist reif dafür, dass wir kollektiv ein neues Bewusstsein entwickeln und dass es wirklich zu einem Massenphänomen wird. Vielleicht brauchen die Generationen nach uns nicht mehr so lange wie wir. Da wir ja aus einer Welt kommen, die rational dominiert ist, sodass die Zugänge zum ganzheitlichen Sein erst mal gefunden werden müssen – und das meistens durch Leid. Häufig beginnt erst dann der Mensch, selbstverantwortlich zu suchen. Und sich nicht mehr auf das zu verlassen, was andere ihm erzählen."
"Liebe Frau Ruge, Sie sagen in Ihrem Buch, Sie hätten eine ‚Kopfmensch-Allergie’. Sie sind aber, wie ich Sie kenne, ein reiner Kopfmensch."
Nina Ruge: "Nein, bin ich nicht. Sonst hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Nein, ich bin zwar ein leidenschaftlicher Verstandesmensch. Ich bewundere das Geschenk des Verstandes. Aber ich widerspreche Descartes, wenn der sagt: ‚Ich denke, also bin ich’. So einfach ist das nicht – wir sind mehr."
"Aber Sie sind ja auch eine gnadenlose Perfektionistin. Typisch Jungfrau eben, Kopfmensch."
"Aber mein Aszendent ist Skorpion. Und der wird ja, wenn man älter wird, immer stärker", sagt sie, lacht.
"Oh Gott, das wird ja immer schlimmer, Frau Ruge."
Sie sagt: "Ich bin Perfektionistin, und ich bin das auch gerne. Nächste Woche moderiere ich einen großen Kongress, da kommt Schäuble, da kommt Gabriel, da kommt der reichste Mann Afrikas, um uns zu sagen, dass sich Afrika für Investitionen lohnt. Das möchte ich richtig gut moderieren. Also bereite ich mich richtig gut vor. Für die Leute, die mich beauftragen, will ich einen guten Job machen – und für mich auch."
Verständlich, klar, aber eine Frage drängt sich mir dennoch auf: "Ich habe ja nichts gegen Perfektionismus. Aber verdüstert dieser Perfektionismus, dieser Leistungszwang nicht den unbesiegbaren Sommer?"
Nina Ruge: "Ich muss nicht in der Hängematte liegen, um den unbesiegbaren Sommer in mir zu spüren. Ich muss mir nur den Raum immer wieder schaffen für die andere Seite in mir. Und wenn ich das nicht tue und eben wie eine Getriebene zu Terminen, Jobs und Verpflichtungen renne, dann wird’s schwierig. Und das ist ein Kampf. Aber da ich Hunde habe, gelingt es mir eigentlich ziemlich gut, weil mich alleine schon die zwingen, zumindest eine Stunde am Tag durch die Natur zu donnern. Und das ist meine spirituelle Auszeit."
"Unsere Hunde, Gänse, Vögel, Katzen, haben ja den Status eines Lama, eines buddhistischen Lehrers. Sie können, was wir mühsam lernen müssen. Wenn ein Hund frisst, dann frisst er. Wenn er schläft, dann schläft er. Uns blockiert das Denken. Sie sprechen von den Gedanken-Moskitos, die uns umschwirren und nicht zur Ruhe kommen lassen. Wer viel arbeitet wie Sie, hat einen Schwarm dieser Moskitos im Kopf. Was ist Ihr Schlüssel zum unbesiegbaren Sommer?"
"Ich habe meinen Instrumentenkasten mit ganz vielen kleinen Übungen, die ich mir jeden Tag neu zusammensuche. Also, ich bin heute Morgen aufgewacht und bin liegen geblieben. Das mache ich jeden Morgen – und dann sage ich mir eines meiner Mantras. Ich atme tief ein, ich realisiere, dass mein halber Tagesplan schon wieder durch meine Gedanken spaziert ist, und ich atme aus, und sage das Mantra: ‚Ich liebe das Leben.’ Dann versuche ich beim Duschen, Zähneputzen, bei vielen kleinen Dingen, Übungen zu machen, für zwei Minuten ins Glück zu reisen, bei mir zu sein. Das gelingt mir nicht jeden Tag, es kommt auch vor, dass ich die Moskitos nicht verscheuchen kann", sagt Nina, schaut aus dem Fenster – auch eine ihrer Übungen, für zwischendurch. Minuten nur schauen. Ist ideal auch im Stau. Nicht schimpfen, nicht gleich zum Handy greifen, die E-Mails checken. Nur tief atmen und schauen: "... und ich spüre dabei die Lebendigkeit und die Dankbarkeit für dieses Leben", sagt sie.

"Wunderbare Übungen – aber sie sind nicht unser Leben. Es sind kleine Fluchten ... oder Frau Ruge?"
"Nein, ich will raus aus der Opferrolle!", sagt die Moderatorin. "Indem ich bestimme, was in mir passiert, gelange ich in die mentale innere Führung. Das ist keine Flucht. Ich bestimme, ich schalte diesen Gedankenbrei ab, der nicht ich bin. Das ist mein Ego, das mir die ganze Zeit einflüstert, es sei wahnsinnig wichtig. Die Buddhisten sagen: ‚to be detached’. Tritt zurück! Schau dich an! Mach dir bewusst, was du bist und was du nicht bist, was dein Ego ist. Und dann werde dir bewusst, was du leben willst! Und tu es! Das ist eine Befreiung, das ist keine Flucht."
Ich frage sie, was mir schon lange am Herzen liegt: "Woher wissen wir eigentlich, dass dieses Zurücktreten, diese Achtsamkeit, diese Konzentration auf sich selbst wirklich der Weg zur Wahrheit ist und nicht der Weg zur absoluten Egomanie?"
Nina Ruge: "Indem ich den Liebes-Pegel in mir messe. Achtsamkeit ist für mich nicht nur Zurücktreten, sondern ist für mich auch Hingabe. Das heißt, sich hingeben an diesen Augenblick oder an den Menschen, der gerade neben mir ist, oder an den Hund oder an den Baum. Aber wir besprechen hier wieder etwas mit Worten, was eigentlich nur erlebbar ist ..."

Nina Ruge beschreibt eine wunderbare Szene in ihrem Buch. Sie ist zwölf. Sitzt mit der besten Freundin auf dem Bett, sie philosophieren, wie so oft. Und plötzlich fällt der grandiose Satz, woher ihn die beiden Mädchen hatten, weiß sie nicht mehr. Ein Satz, der zum Programm wird, in der erwachenden Pubertät: "Wo die Angst ist, geht es lang!"
"Wie Sie schreiben, heißt das also: Tu das, wovor du Angst hast, und die Angst schwindet. Tun Sie das, heute noch, Frau Ruge?"
Sie sagt: "Ja, immer wieder. Sonst hätte ich mich in meinem Leben nicht so oft neu erfunden. Man wird immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert, über die ich manchmal denke, dass sie an meine Grenzen gehen. Natürlich hatte ich oft Angst vor neuen Aufgaben. Ich moderiere zum Beispiel jetzt zum sechsten Mal einen technologischen Kongress. Beim ersten Mal sagte man: Was, diese Boulevard-Tussi will so einen Kongress moderieren? Natürlich spürte ich, dass ich mich bei dieser Arbeit mehr bewähren muss als vielleicht manch anderer. Aber wo die Angst ist, geht es lang! Und der Psychologe Jens Corssen sagt: ‚Glück ist eine Überwindungsprämie.’
"Wir sind meist geistig abwesend, schwelgen in Nichtigkeiten, schreiben Sie. Aber wie will ich zur Ruhe finden, wenn ich eine alleinerziehende Mutter bin, mit hunderttausend Gedanken in meinem Kopf, die sich ums Geld drehen, das ich nicht habe? Wer zu wenig hat, macht sich die meisten Gedanken."
Nina Ruge: "Ich habe 6 Jahre von 300 Mark im Monat gelebt. Ich kenne das, ich habe die Teebeutel auf die Wäscheleine gehängt, getrocknet und noch mal benutzt. Und habe mir die Schuhe selber gesohlt. Aber gleichzeitig habe ich damals intensiv meditieren gelernt. Ich habe intensiv Yoga gemacht. Ich habe trotz Sorgen begonnen, in mir diesen inneren Kraftort zu erschaffen. Es ist einfacher, den Sommer in der Toskana mit vielen Tieren zu verbringen, als in einer Einzimmerwohnung mit einem Kind. Das ist mir völlig klar. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass dieser Weg zu sich selbst jedem offensteht. Ich bin dennoch davon überzeugt, dass ich auch in einer solchen Situation zu meinem Sommer in mir finden kann – wenn ich die Situation so annehme, wie sie ist, und sie so gestalte, dass ich daran auch wachsen kann. Es geht überall. Nur manche haben es leichter. Wobei ich auch feststelle, dass gerade Menschen, die finanziell sehr gut ausgestattet sind, die nicht kämpfen müssen, oft in einem sehr oberflächlichen Leben landen."
"Sie schreiben: ‚Tote Fische schwimmen mit dem Strom.’ Sind wir nicht alle ein bisschen, zumindest zeitweise, tote Fische, die manchmal zum Leben erweckt werden?"
"Weil es uns so gut geht, meinen Sie?"
"Nein, weil wir mit dem Strom schwimmen ..."
Nina Ruge: "Das wichtigste ist Selbstverantwortung und innere Führung. Also zu Ende gefühlt und gedacht: Ich bin für mein Schicksal selbst verantwortlich. Und ich bin vor allem für das verantwortlich, was IN mir passiert. In meinem Buch steht ein Zitat von Buddha: ‚Es gibt zwei Fehler, die man auf dem Weg zur Wahrheit machen kann. Nicht den ganzen Weg zu gehen und nicht damit zu beginnen.' Es ist unglaublich einfach zu sagen: ‚Jetzt gehe ich mal in einen Meditationskurs, und dann mache ich Yoga, ein bisschen ...’ Aber mein Leben dieser Aufgabe zu widmen, innere Führung zu übernehmen, das ist eine Riesenanstrengung. Und das bedeutet auch, dass ich auf manch andere Dinge verzichte, weil ich dafür keine Zeit habe." "Buddha hat leicht reden", sage ich. "Es ist ein Luxus, die Zeit dafür zu haben, um den Weg zu Ende zu gehen. Oder es könnte eben auch ein Ansatz zur Egomanie sein."
Nina Ruge: "Das sehe ich ganz anders. Weil ich in dem Augenblick, in dem ich diesen Weg gehe, voll Liebe bin. Dem Menschen zugewandt. Und voller Mitgefühl. Gerade wenn ich den Weg bewusst beschreite, wird mein Ego ganz klein. Natürlich gibt es Menschen, die sich in ihre Meditationen vergraben, die nur noch mit sich selbst beschäftigt sind. Aber mein Weg ist fest verankert im Alltag, in dem ich einen tieferen Kontakt zum Menschen finde. Ob es der Busfahrer ist, der Taxifahrer oder die Verkäuferin – wenn ich ,ganz da bin’ im Augenblick, nicht ,abwesend’ in meinen Gedanken, dann kommuniziere ich ganz anders, intensiver, und bin ganz anders."
"Sie schreiben, wir müssen annehmen, was geschieht. Es akzeptieren. Das kann ich auch als Apathie deuten. Ich sage Ja zu allem, gebe mich selbst auf?"
Nina Ruge: "Das heißt ja nicht, dass ich den Moment, der sich mir stellt, akzeptiere und nichts daran ändern kann. Da sitzt Herr Montel und unterstellt mir, die Frau ist ja von der Zeit getrieben. Und ich sage, ok, ich nehme das so hin. Ich kann aber auch mit diesem Moment anders umgehen und sagen: ‚Herr Montel, ich habe halt nur ein bestimmtes Zeitfenster, auf das ich mich eingestellt habe.’ Bedeutet: ich gehe mit dieser Unterstellung offensiv um. Und das ist mit allem, was mir geschieht, möglich. Erst muss ich es einfach hinnehmen und sagen: ‚Das ist jetzt nun mal so, aber was mache ich daraus?’ Das ist nicht Apathie, sondern das ist Kreativität und größte Lebendigkeit."
Das Telefon klingelt. Nina Ruge steht tatsächlich unter Zeitdruck, aber es wirkt vollkommen entspannt, wie sie damit umgeht. Perfektionismus mit Charme, der verstohlene Blick auf die Uhr ist begleitet von einem warmen, umarmenden Lächeln.
"Warum machen Sie so viel? Wa­rum setzen Sie sich selbst so unter Druck, Frau Ruge?"
Sie lächelt und sagt: "Ich ernte im Augenblick. Ich habe so viel gelernt in meinem Leben und ich glaube, dass ich heute was weitergeben kann. Ich engagiere mich caritativ. Was ich unter dem Ernten verstehe: Ich glaube, dass ich heute viel tun kann, was anderen hilft. Aber hin und wieder wird es so viel, dass ich mir sage: jetzt ist gut, jetzt reicht’s."
"Nimmt die Spiritualität in reiferen Jahren zu?"
"Im Alter sehe ich eine Riesenchance. Viele verspielen sie, indem sie sich viel zu sehr um ihren Körper, um ihr Jung- und Gesundbleiben kümmern. Beides ist wichtig. Aber es verengt sehr häufig die Weltsicht. Und das versuche ich anders zu machen."

"Ich glaube, wenn Sie sich zu sehr um Ihren Körper, um Ihre Gesundheit kümmern, werden Sie krank. Ich renne das Alter nieder", sage ich.
"Joggen Sie?", fragt Nina Ruge.
Für mich eine eher komische Vorstellung: "Nein, um Gottes willen. Ich renne es mit meinem Leben nieder. Funktioniert auch ..."
"Ja, absolut", sagt die Moderatorin. "Heute Abend bin ich wahrscheinlich schon wieder hier im Bayerischen Hof und mache eine Vorbesprechung, weil wir alle Vierteljahr einen Salon anbieten zu einem bestimmten Thema. Das Thema, das ich jetzt vorgeschlagen habe, ist Lebensglück. Wie viel erwarte ich von außen und wie viel von mir?" Ich glaube, davon versteht diese Nina Ruge inzwischen sehr viel, vom Lebensglück, vom unbesiegbaren Sommer. Sie sagt: "Ich habe meinen nächsten Termin übrigens gestrichen, deshalb sitze ich noch so entspannt hier. Und kann jetzt noch ein kleines Geschenk kaufen, was ich schon die ganze Zeit wollte."

Von Tonio Montel

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Weitere Informationen:

Nina Ruge wurde in München geboren. Zunächst studierte sie Biologie und Germanistik, um eine Laufbahn als Lehrerin einzuschlagen. 1987 gab sie ihre Arbeit als Studienrätin auf, um in Berlin bei RIAS TV zu moderieren. Seit 1989 arbeitet sie für das ZDF, zunächst als Nachrichten-Moderatorin im "heute Journal", von 1994 bis 1997 hatte sie ihre eigene Nachrichtensendung "heute Nacht" – zudem präsentierte sie bis 2007 das tägliche Gesellschaftsmagazin "Leute heute“.

Ihr im Marion von Schröder Verlag veröffentlichtes Buch "Alles wird gut" sowie ihre Kinder- und Jugendbücher "Lucy im Zaubergarten" und "Mira May und das Zauberhandy" erschienen im Heyne Verlag, wurden auf Anhieb große Erfolge. Ihr aktuellstes Buch: "Der unbesiegbare Sommer in uns. Ein Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort" ISBN: 978-3-424-63071-8. € 17,99. Verlag: Kailash. Erhältlich als gebundenes Buch, Audio-CD, Hörbuch und eBook.

Mehr über Nina Ruge: www.nina-ruge.de

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