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Für Nina Ruge ist immer Sommer

Nina Ruge: Alles wird Sommer

Nina Ruge bringt uns auf den Weg zu uns selbst, in die Heimat unserer Lebensfreude.

EM-Chefredakteur Tonio Montel sprach mit der Moderatorin und Autorin über die innere Einkehr für Gestresste, über die Glücksmomente mit dir selbst und Fernreisen unter der Dusche, die dich in den unbesiegbaren Sommer führen, der in uns wohnt.

Wer nicht tiefer schaut, als die Brille seiner Vorurteile zulässt, übersieht die Menschen. Übersieht den Mensch im Menschen. Ich hab nicht tiefer geschaut, als ich am 3. Februar 1997 Nina Ruge die Hand schüttelte. Es war bei der Feier zu ihrer ersten Leute-heute-Sendung. Heute, 17 Jahre später, sitzt sie mir in München, im Foyer des Bayerischen Hofs gegenüber. Strahlt, vielleicht noch ein bisschen souveräner, gelassener als damals, aber das kann Einbildung sein. Nina Ruge, die spirituelle Autorin, die ein traumhaftes Buch hingelegt hat: „Der unbesiegbare Sommer in uns“. Eine Art Reiseführer zum inneren Kraftort in uns, ein Ort, an dem wir wachsen, ganz wir selbst sein können. Ein Buch auch über ihre eigene lebenslange Suche, über ihren langen spirituellen Weg, den ich ihr nicht zugemutet hätte, damals, 1997.
Meine erste Frage: „Sie schreiben, mit Dankbarkeit und Liebe zum Leben schaffe ich einen Zugang zum unbesiegbaren Sommer in mir. In der U-Bahn zu unserem Treffen sah ich in sehr viele verbitterte, ernste Gesichter voller Sorgen. Menschen, denen es sehr schwerfällt auch noch dankbar zu sein …“
Nina Ruge: „Ich bin für UNICEF in der ganzen Welt unterwegs, ich war jetzt in Kambodscha, war in Nigeria, und habe auch sehr arme Menschen getroffen, die glücklich schienen. Mal abgesehen von den Tausenden in den furchtbaren Slums sah ich Menschen, denen es trotz Hunger gelang, dankbar zu sein für das Geschenk des Lebens. In unsere Kultur brauchen wir eine Lebensschule, in der wir ganz früh beginnen, nicht im Außen zu suchen. Wir sind darauf trainiert, uns nur auf das Denken zu verlassen, und darauf, dass von außen das Glück kommt.“

„Wobei eben der unbesiegbare Sommer in uns selbst wohnt. Ein wunderbarer Gedanke, der wohl viele Menschen berührt, wie mich, Frau Ruge.“
„Der ist ja geklaut – von Camus“, sagt sie.
„Das weiß ich, Sie zitieren ja in Ihrem Buch Camus: ‚Mitten im Winter erkannte ich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.’ Faszinierend. Man muss das Leben wahrnehmen, wertschätzen, um zum unbesiegbaren Sommer zu gelangen, sagen sie. Aber nehmen wir mal an, morgen geht es mir schlecht, morgen bin ich krank, habe ich kein Geld mehr – was soll ich denn dann noch wertschätzen? Wie kann ich den unbesiegbaren Sommer zum Dauerzustand machen?“
Nina Ruge: „Wir müssen einen Bewusstseinszustand jenseits des Verstandes erreichen. Dafür müssen wir üben, meditieren. Nur dann, wenn ich mir bewusst mache, dass es einen Raum in mir gibt, der nicht durch den Verstand erreichbar ist, funktioniert es. Wenn ich krank bin, wenn mich mein Partner verlassen hat, dann hilft es mir natürlich nicht, zu sagen, dass ich das Leben wertschätzen soll. Sondern ich muss annehmen, was gegeben ist, muss akzeptieren, dass ich jetzt in dieser Situation bin. Ich werde übermorgen nicht der strahlende Stern sein. Aber ich nehme an und akzeptiere das, was nicht zu verändern ist. Ich akzeptiere die Krankheit oder ich akzeptiere das Verlassensein und bin zugleich dankbar dafür, dass ich die Kraft des Lebens in mir spüre. Ich spüre den unbesiegbaren Sommer, der in mir wohnt.“

Nina Ruge war früh auf der Suche nach ihrem Sommer. Mit 16 ist sie links außen in der kommunistischen Studentenszene, mit 17 Abi, WG, null Geld. „Die Achtundsechziger hatten die Mauern niedergerissen, und nun testeten wir aus, was sich hinter den Fassaden der starren gesellschaftlichen Vorgaben befand“, schreibt sie. Bhagwan, Yoga, Selbsterfahrungsgruppen, Sufi-Tanz, Psychokurse, lila Latzhose, Hermann Hesse, Buddha, das war ihr Leben. Und meines: Ich war 68er, in meiner ersten Wohnung unterm Dach hing Albert Camus mit der Zigarette im Mund, und später war ich der Promi-Fuzzi …

„Warum gehen wir so viele Umwege, warum machen wir immer was anderes, bevor wir das Richtige tun?“, frage ich Nina Ruge.
Sie sagt: „Eckhart Tolle sagt: Die Zeit ist reif dafür, dass wir kollektiv ein neues Bewusstsein entwickeln und dass es wirklich zu einem Massenphänomen wird. Vielleicht brauchen die Generationen nach uns nicht mehr so lange wie wir. Da wir ja aus einer Welt kommen, die rational dominiert ist, sodass die Zugänge zum ganzheitlichen Sein erst mal gefunden werden müssen – und das meistens durch Leid. Häufig beginnt erst dann der Mensch, selbstverantwortlich zu suchen. Und sich nicht mehr auf das zu verlassen, was andere ihm erzählen.“
„Liebe Frau Ruge, Sie sagen in Ihrem Buch, Sie hätten eine ‚Kopfmensch-Allergie’. Sie sind aber, wie ich Sie kenne, ein reiner Kopfmensch.“
Nina Ruge: „Nein, bin ich nicht. Sonst hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Nein, ich bin zwar ein leidenschaftlicher Verstandesmensch. Ich bewundere das Geschenk des Verstandes. Aber ich widerspreche Descartes, wenn der sagt: ‚Ich denke, also bin ich’. So einfach ist das nicht – wir sind mehr.“
„Aber Sie sind ja auch eine gnadenlose Perfektionistin. Typisch Jungfrau eben, Kopfmensch.“
„Aber mein Aszendent ist Skorpion. Und der wird ja, wenn man älter wird, immer stärker“, sagt sie, lacht.
„Oh Gott, das wird ja immer schlimmer, Frau Ruge.“
Sie sagt: „Ich bin Perfektionistin, und ich bin das auch gerne. Nächste Woche moderiere ich einen großen Kongress, da kommt Schäuble, da kommt Gabriel, da kommt der reichste Mann Afrikas, um uns zu sagen, dass sich Afrika für Investitionen lohnt. Das möchte ich richtig gut moderieren. Also bereite ich mich richtig gut vor. Für die Leute, die mich beauftragen, will ich einen guten Job machen – und für mich auch.“
Verständlich, klar, aber eine Frage drängt sich mir dennoch auf: „Ich habe ja nichts gegen Perfektionismus. Aber verdüstert dieser Perfektionismus, dieser Leistungszwang nicht den unbesiegbaren Sommer?“
Nina Ruge: „Ich muss nicht in der Hängematte liegen, um den unbesiegbaren Sommer in mir zu spüren. Ich muss mir nur den Raum immer wieder schaffen für die andere Seite in mir. Und wenn ich das nicht tue und eben wie eine Getriebene zu Terminen, Jobs und Verpflichtungen renne, dann wird’s schwierig. Und das ist ein Kampf. Aber da ich Hunde habe, gelingt es mir eigentlich ziemlich gut, weil mich alleine schon die zwingen, zumindest eine Stunde am Tag durch die Natur zu donnern. Und das ist meine spirituelle Auszeit.“
„Unsere Hunde, Gänse, Vögel, Katzen, haben ja den Status eines Lama, eines buddhistischen Lehrers. Sie können, was wir mühsam lernen müssen. Wenn ein Hund frisst, dann frisst er. Wenn er schläft, dann schläft er. Uns blockiert das Denken. Sie sprechen von den Gedanken-Moskitos, die uns umschwirren und nicht zur Ruhe kommen lassen. Wer viel arbeitet wie Sie, hat einen Schwarm dieser Moskitos im Kopf. Was ist Ihr Schlüssel zum unbesiegbaren Sommer?“
„Ich habe meinen Instrumentenkasten mit ganz vielen kleinen Übungen, die ich mir jeden Tag neu zusammensuche. Also, ich bin heute Morgen aufgewacht und bin liegen geblieben. Das mache ich jeden Morgen – und dann sage ich mir eines meiner Mantras. Ich atme tief ein, ich realisiere, dass mein halber Tagesplan schon wieder durch meine Gedanken spaziert ist, und ich atme aus, und sage das Mantra: ‚Ich liebe das Leben.’ Dann versuche ich beim Duschen, Zähneputzen, bei vielen kleinen Dingen, Übungen zu machen, für zwei Minuten ins Glück zu reisen, bei mir zu sein. Das gelingt mir nicht jeden Tag, es kommt auch vor, dass ich die Moskitos nicht verscheuchen kann“, sagt Nina, schaut aus dem Fenster – auch eine ihrer Übungen, für zwischendurch. Minuten nur schauen. Ist ideal auch im Stau. Nicht schimpfen, nicht gleich zum Handy greifen, die E-Mails checken. Nur tief atmen und schauen: „… und ich spüre dabei die Lebendigkeit und die Dankbarkeit für dieses Leben“, sagt sie.

„Wunderbare Übungen – aber sie sind nicht unser Leben. Es sind kleine Fluchten … oder Frau Ruge?“
„Nein, ich will raus aus der Opferrolle!“, sagt die Moderatorin. „Indem ich bestimme, was in mir passiert, gelange ich in die mentale innere Führung. Das ist keine Flucht. Ich bestimme, ich schalte diesen Gedankenbrei ab, der nicht ich bin. Das ist mein Ego, das mir die ganze Zeit einflüstert, es sei wahnsinnig wichtig. Die Buddhisten sagen: ‚to be detached’. Tritt zurück! Schau dich an! Mach dir bewusst, was du bist und was du nicht bist, was dein Ego ist. Und dann werde dir bewusst, was du leben willst! Und tu es! Das ist eine Befreiung, das ist keine Flucht.“
Ich frage sie, was mir schon lange am Herzen liegt: „Woher wissen wir eigentlich, dass dieses Zurücktreten, diese Achtsamkeit, diese Konzentration auf sich selbst wirklich der Weg zur Wahrheit ist und nicht der Weg zur absoluten Egomanie?“
Nina Ruge: „Indem ich den Liebes-Pegel in mir messe. Achtsamkeit ist für mich nicht nur Zurücktreten, sondern ist für mich auch Hingabe. Das heißt, sich hingeben an diesen Augenblick oder an den Menschen, der gerade neben mir ist, oder an den Hund oder an den Baum. Aber wir besprechen hier wieder etwas mit Worten, was eigentlich nur erlebbar ist …“

 

Buch-Tipp

Nina Ruge: „Der unbesiegbare Sommer in uns. Ein Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort“
Verlag: Kailash Verlag
Erhältlich als gebundenes Buch, Audio-CD, Hörbuch und eBook
ISBN: 978-3-424-63071-8

Über die Autorin

Über die Autorin

Nina Ruge wurde in München geboren. Zunächst studierte sie Biologie und Germanistik, um eine Laufbahn als Lehrerin einzuschlagen. 1987 gab sie ihre Arbeit als Studienrätin auf, um in Berlin bei RIAS TV zu moderieren. Seit 1989 arbeitet sie für das ZDF, zunächst als Nachrichten-Moderatorin im „heute Journal“, von 1994 bis 1997 hatte sie ihre eigene Nachrichtensendung „heute Nacht“ – zudem präsentierte sie bis 2007 das tägliche Gesellschaftsmagazin „Leute heute“.
www.nina-ruge.de

Foto: Peter Dafinger

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