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Das Sterben eines Kindes ist nicht einfach ein Sterben

Rund 3000 Kinder werden in Deutschland jährlich still geboren. Deutschlands erste Sternenkinder-Bestatterin erklärt, wie wichtig die Trauerarbeit ist und wie sie mit den toten Kindern kommuniziert.

Eltern, die ihre Kinder viel zu früh gehen lassen mussten, vielleicht nur wenige Minuten oder gar keine Zeit auf Erden mit ihnen hatten, fragen sich: Warum darf mein Kind nicht leben? Was haben Sie für eine Antwort darauf?

Helga Schmidtke: Für mich stellt sich diese Frage nicht mehr – vielmehr geht es für mich immer wieder darum, herauszufinden, warum hat sich diese Seele an genau diesem Punkt entschieden, nicht lebend geboren zu werden oder warum hat sie sich entschieden, an genau diesem Punkt des Lebens unser Welt wieder zu verlassen. Wir sehen immer nur kleine Ausschnitte der großen Ganzen Schöpfungs-Idee. Jeder von uns hat dabei eine ganz bestimmte Aufgabe. Und nicht jede Seele hat in ihrem Seelenplan stehen, körperlich unversehrt geboren und 95 Jahre alt zu werden. Das wünschen wir uns vielleicht alle, aber das Leben schreibt eben immer seine ganz eigenen und individuellen Geschichten. Meine Aufgabe ist es, Eltern zu begleiten, dass sie ihre ganz eigene Antwort auf diese Frage finden. Manchmal erkennen Eltern die Antwort für sich sehr sehr schnell, manchmal dauert es Jahre und vielleicht erkennen sie ihn auch in diesem Leben niemals und zerbrechen an dem Tod ihres Kindes. Das Zerbrechen ist jedoch niemals der Sinn in solch einem Weg der Seele. Doch ist es auch allzu menschlich.

Welchen Sinn haben diese „Stippvisiten“ der Kinder auf Erden?

Helga Schmidtke: Das Sterben eines Kindes ist nicht einfach ein Sterben, sondern auch hier steht – wie bei jeder Inkarnation – immer ein Auftrag dahinter. Einmal für die Seele selbst und dann auch für die Familie im Umfeld. Denn nur dafür sind wir alle auf dieser Erde: um zu lernen und Erfahrungen zu machen. Auf Seelen- und auch auf Körperebene sind wir alle untrennbar miteinander verbunden. Doch diese Sicht haben wir Menschen leider verloren. Genau das macht uns so unendlich hoffnungslos im Umgang mit dem Tod.

Sternenkinder bringen in Familiensystemen Dinge ins Rollen die immer wieder unglaublich sind. Sie sind quasi oft Auftragshelfer an Stellen, wo wir einfach nicht hinschauen wollen. Meine Erfahrung ist, dass der Kontakt mit dem verstorbenen Kind eine Kraftquelle ist, um dann wieder den nächsten Schritt in der Trauerarbeit als Mensch zu gehen. Doch ich wehre mich auch dagegen, den Tod eine Kindes nur auf der Seelenebene zu betrachten. Das finde ich fatal und grob fahrlässig. Wir sind Menschen und wir brauchen die gesunde Anbindung nach oben und unten. Und genauso ist es auch in der Trauer: Es braucht die gesunde Spiritualität genauso wie das Hämmern gegen den Boxsack, das Hinterfragen, das Anzweifeln – all dies hat seine Berechtigung. Es zerreißt uns das Herz, wenn wir als Eltern unser Kind gehen lassen müssen, da gibt es überhaupt nichts schön zu reden. Wir hinterfragen einfach alles.

Sie kommunizieren mit den verstorbenen Kindern. Was erfahren Sie dabei?

Helga Schmidtke: Die Familien, mit denen ich arbeite, kündigen sich immer im Vorfeld über die Kinder an. Das heißt, die Kinder informieren mich immer schon im Vorfeld, dass sie geboren werden und das Telefon bald klingeln wird. Das geschieht über unterschiedliche Wege und Kanäle. Sie nutzen hier alle meine Sinne. Die normalen als auch die hellen. Schon dann gibt es  für mich in der Regel schon sehr detaillierte Informationen zur Inkarnationsidee der Seele oder zur Familienthematik, die es zu bearbeiten gilt, sodass ich immer wieder erstaunt und tief demütig bin. Die Kinder und Ich sind sozusagen für eine Zeitlang „Verbündete“: Wir versuchen, den größtmöglichen Frieden und das Maximum dieser Aufgabe für die betroffene Familie herauszuarbeiten. Manchmal tauchen dann im Hintergrund auch noch ganze Familiensysteme auf, die schon in der geistigen Welt sind. Denn es geht eben niemals nur um einen Menschen, oder eine Seele, sondern auch hier um das Ganze.

Überbringen Sie den Eltern Botschaften ihrer verstorbenen Kindern?

Helga Schmidtke: Nicht immer, und das hat viele unterschiedliche Gründe. Manchmal kann das Familiensystem diese Informationen als direkte, offizielle Botschaft des Kindes so gar nicht nehmen. Es ist wichtig, im Umgang mit den Familiensystemen unglaublich vorsichtig, achtsam und liebevoll zu sein. Und immer wieder zu erfühlen, wieviel können die Eltern gerade nehmen. Wo stehen die Eltern gerade und was brauchen sie jetzt in genau diesem Moment. Und diese Informationen dann auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten zu transportieren, das ist dann mein Job. Und hier geht eben nicht immer die direkte offen Kommunikation über Medialität. Es ist meine Aufgabe die Informationen der Kinder genau in die jeweilige Sprache zu übersetzen, die die Eltern auch verstehen. Und hier bediene ich mich meiner ganz unterschiedlichen Werkzeuge, die sich in meinem „Hebammenkoffer“ so befinden.

Ganz praktisch sieht das so aus, dass ich Botschaften der Kinder auch mal in einer Trauerrede „verstecke“, oder in der Gestaltung der Trauerfeier oder versteckt in der ganz normalen Trauerbegleitung. Nicht immer ist der heilsame Weg für die Eltern ein Gespräch mit ihrem verstorbenen Kind – für manche ist das völlig abgehoben und weit hergeholt. Mir ist es wichtig, zu transportieren, dass das ok ist. Es ist meine Aufgabe, herauszufinden auf welchem Weg erreiche ich die Familie. Und hier entstehen immer wieder ganz wunderbare Momente und Situationen, die mich tief dankbar machen.

Sollen die Eltern versuchen, durch den Trauerprozess loszulassen oder ihr Leben lang in Kontakt bleiben mit ihren Sternenkindern?

Helga Schmidtke: Trennung ist eine Illusion, und wir sind immer und ewig miteinander verbunden. Diese Tatsache trägt und tröstet. Eltern sind immer mit ihren Kindern verbunden. Oft kommt die Seele eine Zeit später in einer nächsten Inkarnationsschleife wieder zurück in die Familie. Und Mütter spüren das auch ganz oft.

Ich persönlich hab so mein Problem mit der Aussage „du musst loslassen“, denn was meint denn unsere Gesellschaft damit? In der Regel: Werde bitte wieder „normal“, so wie vorher. Belaste und konfrontiere uns nicht mehr mit deiner Traurigkeit, denn das zwingt uns, das wir uns auch mit unserer eigenen Trauer auseinander setzen. Und dazu hat der Grossteil unserer Gesellschaft schlichtweg keine Lust. Und doch ist genau das ganz oft der Auftrag dieser Kinder: Familiensysteme fast dazu zu zwingen, sich mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen.

Diese Erfahrung zu machen ist für die betroffenen Eltern in der Regel sehr traumatisch. Denn damit stirbt ihr Kind einfach noch einmal. Die Situation und das Sternenkind wird relativ schnell totgeschwiegen. Die Eltern werden gezwungen, schnell wieder „normal“ zu werden und zu funktionieren. Trauern ist Schwerstarbeit für Körper, Geist und Seele. Für einen gesunden Trauerweges ist in unserer Gesellschaft jedoch kein Raum mehr. Trauer ist keine Krankheit, sondern ein emotionaler Zustand, doch wenn wir diesem keinen Raum geben, dann nimmt er sich irgendwann Raum – auf unterschiedliche Arten, nicht selten auch durch Erkrankungen. Wir machen uns doch auch keine Gedanken darüber, ob wir jetzt lachen dürfen, wenn wir fröhlich sind. Je bewusster wir als Mensch Trauerarbeit leisten, desto heilsamer können die Erfahrungen und der Weg zurück ins Leben auch sein. Dies geschieht nicht von allein, denn trauern ist Arbeit. Und je bewusster wir als Mensch ganz bewusste Trauerarbeit leisten, desto heilsamer können die Erfahrungen und der Weg zurück ins Leben auch sein.

Vor noch nicht allzu langer Zeit war es noch völlig normal, das, still geborene Kinder im Klinikmüll gelandet sind. Das Kinder unter 500 Gramm gesellschaftlich gar nicht als Menschen anerkannt wurden. Dies hat sich 2013 durch die von Barbara und Marion Martin initiierte Petition für Sternenkinder grundlegend geändert. Damit haben Eltern  von Kindern unter 500 Gramm heute ein Recht auf Bestattung. Es entstehen immer mehr Sternenkinderfelder und die Eltern haben endlich einen Platz für ihre Kinder. Und: Eine Frau, die 1974 ihr Kind in der zweiten Schwangerschaftswoche verloren hat, mit einer Bescheinigung dieser Schwangerschaft oder dem Mutterpass, kann  auch heute noch nachträglich eine Bescheinigung über die Existenz dieses Kindes  beim Standesamt beantragen.

Sie sind Deutschlands erste Sternenkinder-Bestatterin. Wie sieht Ihre Arbeit genau aus?

Helga Schmidtke: Die besten Vorraussetzungen werden geschaffen, wenn die Eltern sofort nach einer möglichen Diagnose mit mir Kontakt aufnehmen und wir uns noch am gleichen Tag sehen können. Dann können wir in ruhigem, geschütztem Umfeld schauen, was es nun braucht. In der Geburtsbegleitung als Doula der Familie überlegen wir gemeinsam, wie die Geburtsreise einer stillen Geburt aussehen kann. Ängste und Sorgen haben und brauchen hier einen großen Raum und viel Zeit. Es ist wichtig, die Zeit ab der Geburt bis zur Bestattung so intensiv wie möglich zu nutzen und zu leben. Im Alltag sieht das so aus, dass ich es bis zum Tag der Bestattung immer wieder möglich mache, dass die Eltern Zeit haben mit ihrem Kind. Das sie begreifen, mit all ihren Sinnen, dass ihr Baby tot ist, dass sie die Veränderung des Körpers wahrnehmen. Das bedeutet in der Klinik, dass das Kind bei den Eltern im Zimmer ist, bis die Mutter entlassen wird. Dass die Eltern bei der Überführung mit im Bestattungsfahrzeug sitzen, ihre Kinder selbst einbetten in den Sarg, den Sarg schließen und viele andere wichtige Schritte. All die Erinnerungen, die Emotionen etc müssen das Familiensystem nähren für den Rest ihres Lebens.

Die Erfahrung zeigt, das der Weg bis zur Bestattung ein heiliger und auch heilsamer Weg ist.

Mein Arbeit ist es auch, allen verstorbenen Kindern zu helfen, einen Platz in ihren Familiensystemen zu geben. Das bedeutet in der Praxis, dass in Begleitungen es sehr oft auch passiert, dass verstorbene Kinder aus vorherigen Generationen auftauchen und jetzt endlich sichtbar werden wollen.

Interview: Jessica Hirthe

Über die Expertin

Über die Expertin

Helga Schmidtke ist Deutschlands erste Sternenkinder-Bestatterin. Sie hat in Reinheim bei Darmstadt das Sternenkinderzentrum gegründet. Die ehemalige Krankenschwester begleitet Familien auf ihrem Trauerweg. Außerdem hat sie die Fachweiterbildung zum Thema stille Geburt entwickelt, die ab 2018 starten wird. Anmeldung unter: helga.schmidtke@googlemail.com
www.die-sternenkinderbestatterin.de

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Kommentare

  1. Liebe Helga,
    Vielen herzlichen Dank für Ihren Beitrag und Ihre Arbeit. Ich bin erst jetzt auf Sie gestoßen aber der Artikel war genau passend. Wir haben unseren Sohn Elias am 7.11.2017 in der 18.ssw still geboren. Und wenn der Schmerz noch so tief sitzt, war der Moment einfach wunderbar von ihm Abschied nehmen zu können. Er war einfach so wunderschön. Und sicherlich hatte auch er seine Aufgabe hier auf Erden. Ihnen alles Gute weiterhin und viel Kraft bei Ihrer Arbeit.
    Katharina K.

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