Thich Nhat Hanh: Die zehn Fesseln, die uns binden

Die zehn Fesseln erkennen, die uns anketten und Leid verursachen

Es gibt für alles Ursachen und Wurzeln. Auch für Leid. Schauen wir tief in diese Wurzeln hinein und untersuchen sie, haben wir bereits mit der Transformation unseres Leidens begonnen. Wie ist es entstanden? Wir brauchen einen klaren Verstand und ein ruhiges Gemüt, um tief zu schauen und die Ursachen zu erkennen. Ursachen sind z.B. die zehn Fesseln, die uns binden:

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Unser Leiden entspringt hauptsächlich unserem Geist und unserer Anschauung der Welt. In der buddhistischen Tradtition sprechen wir von den zehn Fesseln, samyojana, die uns anketten und uns unserer Freiheit berauben. Das Sanskritwort samyojana kann auch als Knoten übersetzt werden, und diese Fesseln sind wie feste Knoten in uns. Sie treiben uns an, Dinge zu tun und zu sagen, die wir nicht tun oder sagen wollen. Sie sind sehr machtvoll. Unsere Achtsamkeit, Konzentration und Einsicht müssen ebenfalls sehr machtvoll sein, um diese Knoten zu lösen.

Die erste Fessel:
Begierde
Begierde ist deswegen so gefährlich, weil sie uns glauben macht, das Objekt unseres Begehrens sei, was wir wirklich wollten und was uns wirklich glücklich machen könnte. Wir sehen nicht die Gefahren, die darin liegen, Objekten unserer Begierde nachzujagen. Wenn in uns Begierde aufkommt, sind wir nicht länger zufrieden. Wir sind nicht zufrieden mit dem, was wir haben und wer wir sind.
Die Lehre des Buddha handelt davon, wie wir glücklich im gegenwärtigen Moment leben können. Doch wenn in uns die Flamme der Begierde lodert, sind wir dazu nicht mehr imstande. Wir glauben, dass wir ohne das Objekt unserer Begierde nicht wirklich glücklich sein könnten, und so verlieren wir all unseren Frieden sowie die Fähigkeit, glücklich im Hier und Jetzt zu sein. Wie können wir diese Fessel lösen?
Der Buddha gab uns viele Bilder zur Illustration von Begierde. Bei einem davon geht es um einen Angelhaken und einen Köder. Der Haken mit dem Köder wird in den Fluss geworfen. Wenn der Fisch den Köder sieht, erscheint ihm dieser so anziehend, dass er unbedingt hineinbeißen will. Was der Fisch nicht weiß, ist, dass sich innerhalb des Köders ein Haken verbirgt. Und so ist es mit dem Objekt unserer Begierde: Die Gefahr ist nicht sichtbar. Manchmal besteht der Köder sogar aus Plastik und der Fisch kann ihn noch nicht einmal verspeisen. Aber er sieht verlockend aus, und der Fisch beißt hinein und schon hängt er an der Angel. Wir müssen also genau hinschauen, um die wahre Natur des Objekts unserer Begierde zu erkennen. Tun wir das, verliert es schnell jedes Verlockende. Wichtig ist also, die verborgenen Gefahren des Objekts der Begierde auszumachen.

Die zweite Fessel:
Wut
Die Flamme der Wut ist ähnlich zerstörerisch wie die Flamme der Begierde. Wenn Wut uns beherrscht, sind wir nicht zufrieden, sind nicht in der Lage, im Hier und Jetzt glücklich zu sein. Wir müssen uns um Konzentration bemühen und tief schauen, um zu sehen, dass unsere Wut und Unwissenheit oder falscher Anschauung entsteht. Wenn wir spüren, dass Wut in uns aufsteigt, können wir innehalten und achtsam atmen, so dass wir die Knoten unserer Wut lösen können.

Die dritte Fessel:
Unwissenheit
Unwissenheit bedeutet falsche Anschauung. Wir sind verwirrt und wir wissen nicht, wohin wir uns wenden und was wir tun sollen. Aus Unwissenheit heraus tun oder sagen wir falsche Dinge. Wir wissen nicht, was richtig und falsch ist, und statt mit unserer Unwissenheit zu sitzen und auf diese Weise Einsicht zu erlangen, handeln wir aus dieser Unwissenheit heraus. Das ist die dritte Fessel, die wir lösen müssen.

Die vierte Fessel:
Komplexe
Die vierte Fessel ist in unseren Komplexen zu sehen, derentwegen wir unsere Zeit und Energie damit verbringen, uns mit anderen zu vergleichen. Es gibt drei Komplexe: den Überlegenheits-, den Minderwertigkeits- und den Gleichwertigkeitskomplex. Sie alle binden uns, selbst der Gleichwertigkeitskomplex tut dies, denn wir konzentrieren uns dabei auf die Vorstellung eines Selbst versus des Selbst von anderen, und wir wetteifern und vergleichen uns mit anderen. Es gibt diese Komplexe, weil wir die Idee haben, ein getrenntes Selbst zu sein. Wir vergleichen dann dieses Selbst mit anderen. So entstehen diese drei Komplexe, die einzig nur Leid bringen.

Die fünfte Fessel:
Zweifel und Argwohn
Lassen wir uns von ihnen beherrschen, sind wir nicht in Frieden, wir sind nicht frei. Unser Argwohn und Zweifel mögen aus unserer Unwissenheit, aus unseren Komplexen oder aus unserer Begierde erwachsen. Vielleicht wissen wir sogar, was richtig ist, aber wir handeln nicht entsprechend, weil wir uns von Zweifel und Argwohn zurückhalten lassen.

Die sechste Fessel:
Ich bin dieser Körper (die erste Sichtweise)
Die sechste bis zehnte Fessel bezieht sich auf die falschen Wahrnehmungen und Anschauungen, die zu unserem Leiden führen. Die sechste Fessel besteht in der Auffassung, dass ich dieser Körper bin, dass dieser Körper ein eigenständiges, abgetrenntes Selbst ist. Wir glauben, dass wir dieser Körper sind. Und das beinhaltet, dass wir meinen, nach der Auflösung des Körpers wären wir nicht länger hier. Wir gehen davon aus, dass wir vor dem Entstehen des Körpers nicht da waren. Folgen wir dieser Sicht, dann fügen wir unserem Leben sehr viel unnötiges Leid zu.

Die siebte Fessel:
Gegensatzpaare (die zweite Sichtweise)
Die zweite Sichtweise ist der Glaube, dass Gegensatzpaare nicht in Beziehung zueinenander stehen. Wir meinen, dass rechts etwas ganz anderes sei als links, dass es Geburt gebe und Tod, innen und außen, Sein und Nichtsein, Gleichheit und Anderssein. All diese Konzepte bilden Gegensatzpaare. Sich in ihnen zu verfangen bedeutet, einer falschen Ansicht zu folgen. Mit Hilfe der Lehre des Buddha können wir die Gegensatzpaare transzendieren, um zu einer Sichtweise frei von dualistischem Denken zu gelangen. Der Mittlere Weg, den der Buddha lehrt, ist ein Weg der Nichtdualität. Er transzendiert alle Gegensatzpaare, einschließlich Sein und Nichtsein, Geburt und Tod, innen und außen, Objekt und Subjekt.

Die achte Fessel:
An Vorstellungen anhaften (die dritte Sichtweise)
Wenn Sie etwas erfahren oder lernen, machen Sie sich eine Vorstellung davon. Das ist ganz natürlich. Doch wenn Sie sich dann in dieser Vorstellung verfangen, dann berücksichtigen Sie oftmals neue Informationen oder Ideen, die Ihre Sicht verändern könnten, nicht mehr. So werden Sie aber auf dem spirituellen Pfad nicht voranschreiten. Was immer Sie erfahren oder gelernt haben, was immer Sie gehört haben, Sie sollten vorsichtig sein, das für absolute Wahrheiten zu halten. Sie sollten es auch loslassen können, um zu einer höheren Wahrheit zu gelangen. Wenn Sie in der Wissenschaft eine Entdeckung, die Sie gemacht haben, für eine letzte Wahrheit halten, forschen Sie nicht mehr weiter. Dann sind Sie aber auch nicht mehr wirklich ein wissenschaftlich arbeitender Mensch.
Um auf unserem Pfad voranzuschreiten, müssen wir bereit sein, unsere Ansichten aufzugeben, unser Verstehen zu erweitern. Haben wir auf einer Leiter die vierte Sprosse erreicht und meinen nun, wir wären schon ganz oben, dann werden wir nicht höher klettern. Wir müssen die vierte Sprosse hinter uns lassen, um die fünfte zu erreichen. Und haben wir die fünfte erreicht, müssen wir bereit sein, auch diese aufzugeben, um die sechste zu erreichen. Erkenntnis kann der Weisheit im Weg stehen. Erkennen und verstehen Sie etwas, sollten Sie immer bereit sein, dies in der Zukunft auch wieder hinter sich zu lassen, um eine höhere Form der Weisheit zu erreichen. Das ist die Lehre über das Nichtanhaften an Vorstellungen.

Die neunte Fessel:
Verdrehte Vorstellungen (die vierte Sichtweise)
Stellen Sie sich vor, dass Sie glauben, alles passiere zufällig und es gebe keine Ursache- und Wirkungszusammenhänge. Das ist eine Art verdrehte Vorstellung. Das Gesetz von Ursache und Wirkung bedeutet, dass Sie Bohnen ernten werden, wenn Sie einen Bohnensamen säen. Wenn Sie einen Wutsamen säen, werden Sie Wut ernten. Verfangen Sie sich in den Fesseln verdrehter Vorstellungen, verstehen Sie nicht, warum die Dinge geschehen. Sie erscheinen Ihnen als unfair oder unberechenbar, weil Sie nicht an das Gesetz von Ursache und Wirkung glauben und meinen, alles geschehe rein zufällig. Sind Sie aber imstande, dass es sich manifestiert, weil viele Voraussetzungen zusammengekommen sind. Zu glauben, es gebe nur eine einzige Ursache, ist ebenfalls eine verdrehte Vorstellung. Wir alle erfahren Verletzungen, Krankheit und Schmerz und können das nicht kontrollieren. Doch vieles von dem Leiden, das wir über den Schmerz hinaus erleben, ist Resultat einer verdrehten Vorstellung. Unser zusätzliches Leiden entspringt oft einer Lebensweise, die sich aus falschen Wahrnehmungen, falschem Denken, falschem Sprechen und falschem Handeln speist.

Die zehnte Fessel:
Anhaftung an Riten und Rituale (die fünfte Sichtweise)
Wenn Sie glauben, die Durchführung bestimmter Riten und Rituale ließe Sie Befreiung und Erlösung erfahren, so haben Sie sich in Riten und Ritualen verfangen. Nur durch Verstehen werden Sie sich daraus befreien können. Sie werden Befreiung nicht dadurch erleben, dass Sie Rituale und Zeremonien durchführen und Tabus beachten. Es gibt nicht die eine Tat oder das eine Ritual, das Ihnen Befreiung bringt. Befreiung erfordert fortwährende Praxis, eine kontinuierliche Verpflichtung zu Achtsamkeit, Konzentration und Einsicht.
Um diese Fessel zu illustrieren, benutze ich manchmal das Bild eines Menschen, der sich vor dem Buddha auf dem Altar verbeugt. Die richtige Praxis des Verbeugens ist eine Form der Meditation eine Weise des tiefen Schauens. Darum sollte Ihnen vor dem Verbeugen bewusst sein, dass der Buddha in Ihnen ist und dass Sie im Buddha sind. Sie beide, der Buddha und Sie, haben die Natur der Leerheit. Dieses tiefe Schauen hat die Macht, uns zu befreien. Glauben wir dagegen, dass die Verbeugung vor dem Buddha ein Akt der Hingabe wäre, durch die wir gerettet werden könnten, haben wir uns in Ritualen verfangen.
Gehmeditation oder Sitzmeditation kann auch nur als leeres Ritual praktiziert werden, ebenso wie das Chanten oder Rezitieren. Wir können uns so leicht in Ritualen verfangen, und diese Fessel müssen wir wirklich aufbrechen. Wenn wir von ganzem Herzen praktizieren und nicht nur routinemäßig, dann wird uns die Praxis von Achtsamkeit und Einsicht befreien; Riten und Rituale werden zu einem Fahrzeug und einer Gelegenheit zur Praxis.

Wir können aufgrund der Fesseln die Ursachen unseres Leidens selbst erkennen, wenn wir unseren klaren Verstand und unsere tiefe Einsicht benutzen. Dann können wir das Leiden transformieren und zum Wohlbefinden kommen. Die Wurzeln des Leidens sind nicht mehr da, wir können frei und glücklich sein, wir handeln ethisch, motiviert von unserem Verstehen und unserem Mitgefühl.

 

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Weitere Informationen:

Auszug aus dem Buch "GUT SEIN" von Thich Nhat Hanh

 "Gut sein" Thich Nhat Hanh

 Literaturangaben:

 Thich Nhat Hanh

 "GUT SEIN"

 O. W. Barth Verlag

ISBN: 978-3-426-292223-5

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