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Darf ich meinem Zweifel vertrauen?

Der Zweifel ist besser als sein zweifelhafter Ruf eines ewigen Zögerers und Zauderers – der uns ständig bremst, mit Bedenken nervt und in Unsicherheit verstrickt. Pater Anselm Grün geht hier der Rolle des Zweifels in unserem Leben nach.

In Beziehungen gibt es nicht nur den Zweifel am anderen, sondern auch den Zweifel an mir selbst. Ich zweifle, ob ich beziehungsfähig bin. Ich zweifle, ob ich der richtige Partner oder die richtige Partnerin bin. Und ich zweifle überhaupt an mir. Ich zweifle an mir, ob ich das Leben schaffe, ob ich intelligent genug bin, mich im Leben durchzusetzen. Ich zweifle alles an mir an. Wir haben oft einen inneren Richter in uns – Sigmund Freud nennt ihn das Über-Ich –, der uns ständig anzweifelt und alles in uns entwertet. Das verunsichert uns. Wir können dann nicht mehr sagen: Ist diese innere Stimme unser Gewissen? Oder entspringt sie dem Über-Ich, dem Urteil der Eltern, das wir in unserem Über-Ich verinnerlicht haben?

Menschen, die an sich selbst zweifeln, trauen sich nichts zu. Und sie bleiben oft stehen, wenn es darum geht, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Sie versäumen das Leben, weil sie in ihrem Zweifel an sich selbst stecken bleiben. Der Zweifel hindert sie, sich auf eine Beziehung einzulassen. Der Zweifel hält sie davon ab, sich um eine berufliche Stelle zu bewerben. Sie meinen, sie seien nicht gut genug für diese Aufgabe, es gäbe andere, die besser wären. So kann der Zweifel an mir selbst mich vom Leben abhalten.

Im Gespräch erfahre ich manchmal, wie grundlegend der Zweifel an sich selbst sein kann. Da erzählt mir eine Frau, dass sie als Kind immer daran gezweifelt hat, ob sie wirklich die Tochter ihrer Eltern ist. Solche grundlegenden Zweifel verunsichern einen Menschen. Er ist sich seiner eigenen Herkunft nicht sicher. Woher diese Zweifel kommen, kann man oft nicht sagen. Vermutlich ist es eine grundlegende Unsicherheit über die eigene Identität. Und diese Unsicherheit setzt sich dann in Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten und am Gelingen des Lebens fort.

Die Zweifel des kleinen Mädchens, ob es wirklich die Tochter ihrer Eltern ist, setzt sich oft in bestimmten Phasen des Lebens fort. In der Pubertät gibt es Zweifel an der eigenen Identität: Wer bin ich? Man spürt, dass die alte Identität ins Wanken gerät. Und man kann noch nicht sagen, wer man wirklich ist. Der Zweifel an sich selbst ist aber zugleich eine Herausforderung, sich um die eigene Identität zu sorgen. Solche Identitätszweifel tauchen dann oft zwischen 18 und 24 Jahren neu auf. Bisher war man daheim, vielleicht im Gymnasium. Jetzt studiert man an einem fremden Ort. Man kennt sich nicht aus, man zweifelt an sich selbst. Bisher ging alles glatt. Jetzt hat man Zweifel, ob man das Studium schafft, ob man das richtige Studienfach gewählt hat. Solche Identitätszweifel können in diesem Alter oft zu depressiven Phasen führen. Ähnliche Selbstzweifel tauchen in der Lebensmitte auf. Man fragt sich: War das alles? Wie soll es weitergehen? Wer bin ich wirklich? Bin ich nur der erfolgreiche Mann, die glückliche Mutter? Was ist meine wahre Identität?

Andere Zweifel beziehen sich auf die Liebe der Eltern. Kinder zweifeln an der Liebe der Eltern. Gerade wenn sie geschimpft werden, oder wenn sie hart behandelt werden, wenn die Eltern sie lächerlich machen, dann zweifeln sie daran, ob die Eltern sie wirklich lieben oder ob sie für die Eltern nur eine Last sind. Die Zweifel an der Liebe der Eltern führen auch zum Zweifel am eigenen Wert. Ich zweifle daran, dass ich so wichtig bin, dass meine Eltern mich lieben. Und diese Zweifel setzen sich fort im Zweifel, ob der andere es wirklich ehrlich meint oder ob er nur freundlich ist, weil er etwas von mir will. Der Zweifel an sich selbst kann quälend werden. Man zweifelt alles an. Der Zweifel an sich selbst raubt einem alles Selbstvertrauen. Am Abend kommt man nicht zur Ruhe, weil man ständig alles anzweifelt, was man gesagt oder getan hat. Alles wird infrage gestellt: Es war nicht gut. Was denken die anderen über mich? Wie kann ich nur so komisch sprechen, mich so eigenartig verhalten? Der Zweifel an sich selbst wird zur Entwertung seiner selbst.

Dagegen hilft eine kleine Übung: Setze dich hin und horche in dich hinein. Lass alle Zweifel aufsteigen, die von alleine in dir auftauchen. Schau die Zweifel an und dann antworte auf jeden Zweifel, der in dir hoch steigt: „Ich bin ich selber“. Setze dich 20 Minuten hin und meditiere immer nur den Satz: „Ich bin ich selber“. Es ist der Satz, den Jesus nach seiner Auferstehung zu seinen Jüngern sagte, als sie daran zweifelten, dass es wirklich dieser Jesus ist, den sie gekannt haben und der am Kreuz gestorben war. Der griechische Satz „ego eimi autos“ hat eine besondere Bedeutung. »Autos« meint das innere Heiligtum, in dem wir dem ursprünglichen Selbst begegnen. Sprich also in alle Gedanken und Zweifel, die in dir auftauchen, immer wieder dieser Satz hinein: „Ich bin ich selber“. Dann werden sich die Zweifel relativieren. Es ist gar nicht wichtig, ob du alle Erwartungen deiner Eltern und deine eigenen Vorstellungen erfüllst. Es ist nicht wichtig, ob du wirklich von deinen Eltern geliebt wirst. Du musst gar nichts beweisen. Du darfst einfach sein, ohne dich zu rechtfertigen, ohne etwas vorweisen zu müssen. Wenn du diesen Satz immer wieder dir vorsagst, dann werden die Zweifel leiser. Sie sind nicht mehr wichtig. Du spürst dich selbst, dein wahres Wesen, das dir niemand durch seine Zweifel schmälern kann, und das du auch selbst nicht durch deine Zweifel an dir selbst aufzulösen vermagst.

Über den Autor

Über den Autor

Pater Anselm Grün, geb. 1945, Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, geistlicher Begleiter und Kursleiter in Meditation, Fasten, Kontemplation und tiefenpsychologischer Auslegung von Träumen. Seine Bücher zu Spiritualität und Lebenskunst sind weltweite
Bestseller – in über 30 Sprachen. Sein einfachleben- Brief begeistert monatlich zahlreiche Leser (www.einfachlebenbrief.de).

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