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Der Tanz der Bäume

Es war ein eher kleiner Garten; gerade groß genug, um ein paar liebevoll gepflegte Blumen- und Gemüsebeete zu beherbergen, eine gemütliche Terrasse und ein Rasenstück, auf dem man an warmen Sommertagen seine nackten Füße vom Gras sanft kitzeln und sich von drei hoch gewachsenen Bäumen Schatten spenden lassen konnte.

Die Bäume – eine Linde, eine Eiche und eine Buche – wurden einst als Jungbäume vom Vater des jetzigen Hausbesitzers gepflanzt. Dieser hatte das Haus samt Garten erworben und als ein befreundeter Bauer ihm die Bäume schenkte, war es ihm als sei jetzt sein Glück erst richtig vollkommen. Er freute sich darauf, seine Kinder und die Bäume heranwachsen zu sehen.

Der Familienvater war längst gegangen, einer seiner Söhne hatte Haus und Garten übernommen und die Bäume blickten nun auf einen reichen Erfahrungsschatz von 60 Lebensjahren zurück.

Die Eiche stand am dichtesten am Zaun und der hohen Hecke, die das Grundstück zur Nebenstraße hin begrenzten. Sie freute sich, als sie nach Jahren des Wachstums endlich groß genug war, um die Straße zu überblicken. Sie sah Passanten kommen und gehen, Tiere herumtollen und Kinder lachen.

Die Linde stand am nächsten an der kleinen Terrasse und genoss es das Ehepaar des Hauses erst mit den eigenen Kindern, dann mit den Enkeln und anderen Besuchern erzählen, lachen, essen, trinken, sich streiten und versöhnen zu sehen.

Die Buche wuchs am dichtesten an der Hausmauer, auf deren Seite sich die Küche befand. Sogar in den Speicher konnte sie dank ihrer beachtlichen Größe durch eine runde Luke schauen.

So blickten die Bäume des kleinen Gartens Tag für Tag auf die Welt um sie herum und in ihren Mußestunden raunten sie sich ihre Neuigkeiten gegenseitig zu.

Die Eiche erzählte von Besuchern, die zum Haus kamen oder von den Nachbarskindern, die schon wieder ein Stück gewachsen waren. Die Linde berichtete von der Geburtstagsfeier für den Ehemann, bei der die Kinder ihm ein schönes Fest ausgerichtet hatten. Die Buche beschrieb in den schönsten Begriffen den Kuchen, den die Frau zur Feier in der Küche zubereitet hatte.

Das Ehepaar besaß auch einen Hund, einen Terrier. Er war nicht nur seinem Frauchen und Herrchen treu ergeben, sondern auch dem Garten und ganz besonders den drei Bäumen. Obwohl er dieses Revier nicht gegen irgendeine Konkurrenz verteidigen musste, pinkelte er die Bäume regelmäßig an. Dabei hielt er pedantisch die gleiche Reihenfolge ein: zuerst die Eiche, danach die Buche und zum Schluss die Linde.

Die Eiche schien sein Lieblingsbaum zu sein. Als junger Hund hatte er am längsten um ihn herum getollt und als alter Hund legte er sich stets unter ihm zur Ruhe. So war es für das Ehepaar auch selbstverständlich, dass sie ihrem Liebling eines Tages, als seine Zeit auf Erden abgelaufen war, unter der Eiche sein letztes Plätzchen schenkten. Die Eiche betrachtete es als ganz besonderes Privileg, den kleinen Hund im Leben wie im Tode mit ihrer Stärke zu bewachen.

Obwohl Zeit für Bäume eine ganz andere Bedeutung hat als für die Menschen und jedes scheinbar noch so kleine Ereignis für sie Anlass zu eingehender und geduldiger Betrachtung liefert, so waren doch die größeren Begebenheiten, die im Leben des Ehepaares stattfanden, auch für die Bäume etwas ganz Besonderes.

So blühten sie bei den Gartenfesten auf, die zum Beispiel zu Geburtstagen stattfanden oder zur Feier der Geburt eines neuen Enkelkindes. Sanft neigten sie dann ihre Äste, um die Babys zu begrüßen. Diese lächelten stets zurück und in der ganzen Familie herrschte Einigkeit darüber, dass die Bäume eine kostbare Energie besitzen. Nun ist das wirklich eines der schönsten Komplimente, die man Bäumen machen kann und so versprühten sie als Dankeschön besonders viel ihres Duftes, der wiederum die Herzen der Menschen noch weiter öffnete.

Die Jahre vergingen und die Bäume hatten sich jeden Tag neue große und kleine Ereignisse zu erzählen. Es kam die Zeit, als der Ehemann nicht mehr in den Garten kam, um gemeinsam mit seiner Frau die Beete zu pflegen und die Bäume zu wässern. Bald darauf konnte die Buche ihn auch nicht mehr im Haus sehen. Lange Zeit danach war kein verführerischer Duft mehr von frisch gebackenem Kuchen aus der Küche zu riechen. Die Bäume wussten, was das zu bedeuten hatte und sie bemühten sich, der Frau mit ihrer Energie Trost und Kraft zu spenden.

Mit ihrem weit verzweigten Wurzelwerk sogen sie aus den Tiefen von Mutter Erde eine gewaltige Urenergie, die seit Anbeginn der Zeit da ist und mit ihrem mächtigen Astwerk reckten sie sich gen Himmel, um von dort noch mehr lichtvolle Energie auf die Erde zu holen. Die Frau spürte, was die Bäume ihr Gutes tun wollten. Jedes Mal, wenn sie sich darunter setzte und die Ruhe einatmete, nahm sie ihre Energie auf. Sie lachte nicht mehr so herzlich wie früher, aber sie lächelte wieder etwas mehr und sogar der Duft von frisch gebackenen Kuchen strömte irgendwann wieder aus dem offenen Küchenfenster.

Die Frau bemühte sich, in ihrem hohen Alter die Beete noch so gut es ging zu pflegen. Irgendwann aber merkte sie, dass das nicht mehr möglich war. Sie war nun auf Hilfe angewiesen und nahm diese auch dankbar an. Sie freute sich, dass sie die Sonne auf der kleinen Terrasse und den Schatten unter den Bäumen noch genießen konnte.

Irgendwann war auch die Frau nicht mehr auf Erden und die Bäume befürchteten schon, dass niemand mehr da sein würde, den sie mit ihrer kraftvollen Ur – Energie Vertrauen, Mut und Liebe schenken konnten. Das war schließlich ihre Aufgabe auf Erden. Daher freuten sie sich umso mehr, als sie eines Tages den Enkel mit seiner Familie ins Haus einziehen sahen.

Es gab nun wieder sehr viel zu erzählen über Umbauten im Haus, frisch angelegte Beete, Kinderlachen und sogar wieder einen Hund, der die Bäume munter markierte.

Eines Abends, als es im Haus gerade ganz still geworden war und am Himmel die Sterne hell leuchteten, erneuerten die Bäume ihr Versprechen an die Erde und ihre Bewohner:

„Im Frühjahr schenken wir euch Knospen voller Lebenskraft. Im Sommer hüllen wir euch ein in Zuversicht und Vertrauen. Im Herbst tanzen wir mit euch den farbigen Reigen der Wiederkehr. Im Winter reichen wir euch das Versprechen eines neuen lichtvollen Jahres.“

Simone Keshavarz

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