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    Sylvia Prehn: Mondlicht

    Die Präsentation am heutigen Nachmittag war ein voller Erfolg gewesen. Zufrieden trinke ich einen Schluck Kaffee, als kurz darauf das Telefon klingelt. Mein Blick gleitet zur Uhr an der Wand und ich frage mich, wer mich zu dieser späten Stunde noch versucht zu erreichen. Als ich den Hörerabnehme, überfällt mich der Anrufer mit den Worten: „Na, hast du endlich Zeit gefunden, dich von der Arbeit loszueisen?“ Unschwer erkenne ich die Stimme meines Ex-Ehemannes Markus, und meine Laune verdüstert sich.
    „Worum geht es?“ frage ich betont sachlich. „Es geht diesmal nicht um uns, sondern um deine Großmutter“ antwortet er und fährt fort: „Oma Frieda hat michangerufen, weil du mal wieder nicht zu erreichen warst. Es ging ihr nicht gut, offenbar hatte sie Probleme mit dem Herzen. Ihr Hausarzt hat sie vorsorglich ins Krankenhaus überwiesen. Inzwischen ist sie aber wieder zu Hause. Wir wollten nur, dass du Bescheid weißt.“ Einen Moment herrscht Stille in der Leitung, während ich versuche, einen klaren Gedanken zu fassen. „Wenn du Zeit hast, kannst du ja mal bei ihr anrufen“, fügt er hinzu und legt auf.

    Ich schaue auf die Uhr, in zwei Stunden könnte ich bei ihr sein überlege ich. Wie in Trance greife ich zu meinem Autoschlüssel und befinde mich kurze Zeit später auf dem Weg von Hamburg nach Nordfriesland. Über die Freisprechanlage wähle ich die Nummer von Oma Frieda. Schon erwarte ich ihre Stimme zu hören, doch mein Anruf bleibt unbeantwortet. Sicherlich liegen ihre Hörgeräte wieder auf dem Nachttisch, denke ich. In der langsam untergehenden Sonne fahre ich die bekannte Strecke über die Köge bis hin zu der alten Reetdachkate meiner Großmutter. Während der Fahrt hänge ich meinen Gedanken nach, und trotz der Anspannung kommen viele schöne Erinnerungen in mir hoch, die ich lange vergessen glaubte. Ganz deutlich sehe ich mich vor meinem inneren Auge an gemütlichen Winterabenden im Omas Arm vor dem Ofen sitzend, während ich ihren magischen Geschichten von Elfen und Engeln lausche. Ich schalt mich innerlich als sentimental und blinzelte die Tränen weg.

    Nur noch wenige Sonnenstrahlen scheinen durch die Büsche und windschiefen Bäume, die das Grundstück umgeben. Ich hatte ganz vergessen, wie einsam das Haus liegt, nicht einmal eine Straßenlaterne erhellt die einbrechende Nacht. Energisch klopfe ich an die Haustür, rufe laut „Moin Oma“ und trete ein; denn wie immer ist die Tür unverschlossen. Das Feuer im Ofen erhellt die Küche mit seinem Flackern und in der Luft liegt ein Geruch von Rauch und Veilchen. Kurz schließe ich die Augen und fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt. Oma ist offenbar schon zu Bett gegangen. Nur aus ihrer Schlafstube dringt ein schwacher Lichtschein.
    Ich klopfe an die Zimmertür. Ein erstauntes „Herein“ ist zu hören. Als ich den kleinen gemütlichen Raum betrete, stoße ich mir gleich den Kopf an der niedrigen Türzarge. „Ach, Liebbe, wat mogst du denn hier?“, begrüßt mich Oma Frieda aufrecht im Bett sitzend, ein Buch in der Hand. Ich reibe meine schmerzende Stirn, stolpere in den Raum hinein und setze mich zu ihr auf die Bettkante. Sanft nimmt sie meine Hand in ihre und schaut mich mit ihren wässrig blauen Augen aufmerksam an. „Ich habe gehört, du warst im Krankenhaus“ beginne ich und spüre, wie sich Tränen ihren Weg bahnen. „Geht es dir gut, Oma?“, frage ich mit zitternder Stimme. Oma Frieda nickt langsam und meint mit einem schiefen Lächeln: „Ick wart halt old, dann is dat so. Die int Krankenhus kön mi og nich hölpen. Mi geit dat good.“ Vor Erleichterung laufen meine Tränen nun ungehindert die Wangen hinunter und ich kann gar nicht sagen, warum das so ist. Ungelenk streicht sie mir über die Wange. „Schön, das du dor büst, mogst du uns beden nen Tee?“

    Dankbar für die Möglichkeit, etwas tun zu können, kehre ich in die Küche zurück. Während ich das Wasser aufsetze, schreibe ich Markus eine kurze Nachricht, dass mit Oma alles in Ordnung ist. Mit den Bechern heißen Tees in der Hand bin ich diesmal vorsichtig und ziehe den Kopf ein, bevor ich den Raum betrete. Oma Frieda liegt friedlich da und ist offensichtlich eingeschlafen. Unschlüssig bleibe ich stehen, stelle dann die Becher ab und nehme ihr sanft das Buch aus der Hand. Als ich ihre Brille vorsichtig von der Nase ziehe beobachte ich, wie sie ruhig und gleichmäßig atmet. Mit einem letzten Blick lösche ich das Licht und schließe leise die Tür. Während ich es mir auf zwei Küchenstühlen vor dem Ofen bequem mache, denke ich darüber nach, wie lange Oma Frieda hier wohl noch alleine wohnen kann. Im Internet suche ich nach geeigneten Seniorenheimen in der Nähe, schreibe noch einige Nachrichten, als kurz darauf ein lautes Poltern aus dem Schlafzimmer ertönt.

    Erschreckt springe ich auf, eile zum Schlafzimmer und stoße wiederum mit voller Wucht gegen die Türzarge. Mit einem Aufschrei sinke ich in mich zusammen und verliere das Bewusstsein. Stunden später erwache ich mit dröhnendem Schädel. Um mich herum ist es dunkel. Tastend versuche ich mich zu orientieren. Meine Hand findet das Fußende des Bettes und langsam richte ich mich auf. Ich verspüre einen Luftzug. Als ich mich umwende sehe ich einen schwachen Lichtschein, der durch das geöffnete Fenster genau auf das Kopfende des Bettes und auf Oma Frieda fällt. Liebevoll betrachte ich ihre Gesichtszüge. Nun erhellt der Lichtschein den Raum und beleuchtet ihre auf der Brust gefalteten Hände. Langsam trete ich vor, schließe das Fenster und hebe den Blumentopf auf, der heruntergefallen war.

    Wieder setze ich mich auf die Bettkante. Friedlich und still liegt Oma Frieda da. Und doch spüre ich, dass irgend etwas anders ist. Etwas Besonderes liegt in der Luft. Ich weiß nicht, wie lange ich so reglos dasitze, es kommt mir vor, als wäre die Zeit stehengeblieben. Tränen laufen lautlos über meine Wangen und tropfen von meinem Kinn herunter. Irgendwann nehme ich den Bogen Papier wahr, den Oma in ihren Händen hält und knipse die Nachttischlampe an. „Für Susanne“ steht darauf, in alter deutscher Schrift geschrieben.

    Der Brief ist an mich gerichtet: „Leve Susanne, ik schref di op Hochdütsch, dann kannst mi beder vorstahn. Liebbe, wenn Du diesen Brief findest, bin ich nicht mehr am Leben und doch bist du nicht allein. Damals, als du als kleines vierjähriges Mädchen zu mir kamst, warst Du so traurig über den Verlust von Mutter und Vater und auch ich war traurig darüber. Aber weißt Du, sie haben mich immer getröstet. Damals hast Du mir geglaubt, hast wie ich zu deinem Schutzengel gebetet. Doch als Du älter wurdest, wolltest Du nichts mehr damit zu tun haben. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an das Gefühl? Ich möchte Dir sagen, dass sie immer für Dich da sind, wenn Du sie rufst, ganz gleich, wie alt du bist. Folge einfach Deiner inneren, liebenden Stimme. Deine Oma Frieda“

    Zwei Tage später fahre ich zum Bahnhof, um Markus abzuholen. Gefasst lasse ich es über mich ergehen, dass er mich in den Arm nimmt und unbeholfen über meinen Rücken streicht. Auf dem Weg zu Großmutters Haus berichte ich ihm von den Aufgaben, die noch zu erledigen sind, und ich bin dankbar, dass er da ist und mir zuhört. Dann fragt er mich nach dem letzten Abend mit Oma Frieda, aber mir fehlen die Worte. Statt dessen parke ich den Wagen und greife in meine Handtasche, um den Brief hervorzuholen, den ich schon so oft gelesen habe.
    Abwartend schaue ich in sein Gesicht während er die Zeilen überfliegt und sehe, dass auch er davon berührt ist. Dann erzähle ich ihm von der besonderen, ja magischen Stimmung und von dem Lichteinfall des Mondes durch das Fenster. Irritiert schaut er mich an: „Welches Licht denn?“ fragt er, „sagtest Du nicht, es war dunkel?“ – Nach einem kurzen Blick auf sein Smartphone schaut er mich an und schüttelt den Kopf. „Vorgestern hatten wir Neumond. Ich weiß nicht, welches Licht du gesehen hast, aber Mondschein war es nicht.“

    Ich schaue ihn einige Momente lang schweigend an. Zweifel tauchen in mir auf. Sollte ich mich etwa so getäuscht haben? Kurz schließe ich die Augen und fühle noch einmal den Moment, als das Licht zum Fenster herein schien. Wärme durchströmt meinen Körper und von meinem Herzen breitet sich eine Erkenntnis aus, die ich zu meinem eigenen Erstaunen laut ausspreche: „Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, das wir nicht verstehen. Doch das bedeutet nicht, dass es nicht wahr ist“. Und leise, fast unhörbar füge ich hinzu: „Ich bin nicht allein. Niemals .“

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