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Peter Beer: Achtsamkeit

Autor, Psychologe und Achtsamkeitstrainer Peter Beer meint, Achtsamkeit ist der Schlüssel zu einem selbstsicheren und erfüllten Leben.

Auf dem Höhepunkt meiner noch jungen Karriere waren meine Batterien völlig leer. Meine Geschichte begann – nach einem Studium in Rekordzeit – in einer der anspruchsvollsten Sparten der Automobilindustrie. Termindruck, ständige Krisenmeetings, wochenlange Dienstreisen, unzählige To-dos, hundert Pläne, tausend Mails und noch mehr Gedanken in meinem Kopf. Die äußeren Ansprüche waren hoch, der Anspruch an mich selbst war höher. Ich wollte mich beweisen, zeigen, was ich kann. Die anfängliche Begeisterung wich schon nach wenigen Jahren ermüdender Routine. Wenn ich jetzt an die Zeit zurückdenke, war nicht mehr viel von dem einst lebensfrohen und begeisterten Menschen übrig. Ich funktionierte, viel mehr nicht.

An dem Tag, an dem ich einfach nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte, traf ich schließlich eine der wichtigsten Entscheidungen in meinem bisherigen Leben. Ich beschloss, mir eine neue Richtung zu schenken. Mein klares Ziel: Ich würde alles dafür tun, um herauszufinden, was nötig ist, um ein gesundes, zufriedenes, begeistertes und leistungsstarkes Leben führen zu können.

Ich wollte herausfinden, was den Unterschied macht zwischen Menschen, die unter den Belastungen zur Höchstform auflaufen und denen, die darunter zusammenbrechen. Ich schrieb mich an der Uni ein, studierte Psychologie und las alles, was ich in die Finger bekam. Ich besuchte Seminare und ließ mich zum Trainer und Coach ausbilden. Immer mit dem klaren Fokus darauf, herauszufinden, was wir Menschen brauchen, um in dieser Gesellschaft gesund und zufrieden leben zu können.

Warum die meisten Techniken nicht helfen

Im Psychologiestudium und in den Ausbildungen lernte ich viele Techniken und Konzepte kennen, die keinen bleibenden Effekt hinterließen. Die meisten kennen das vermutlich: Wir haben einen tollen Ratgeber gelesen, ein Seminar besucht oder eine Erkenntnis gewonnen und nach wenigen Wochen hat uns der Alltag wieder eingeholt und unser Leben sieht fast genauso aus wie zuvor. Doch Woran liegt das?

Die Antwort ist einfach: Die meisten Techniken und Konzepte funktionieren auf der Ebene des Denkens. Auf der gleichen Ebene, wo sie auch entstanden sind! Albert Einstein hat schon so passend erkannt:

„Probleme kann man niemals mit derselben Ebene lösen, auf der sie entstanden sind.“

Vielleicht fragst du dich jetzt, welche Ebene es denn noch in uns geben soll, neben der des Denkens? Jeder Mensch besitzt eine beobachtende Instanz in sich, die das eigene Denken beobachten kann. Ein Art beobachtendes Bewusstsein. Dadurch kannst du dich selbst distanziert betrachten, ohne in die alten Verhaltensmuster zu fallen. Diese Fähigkeit des bewertungsfreien Beobachtens nennt man Achtsamkeit.

Der Schlüssel: Achtsamkeit

Vermutlich ist der Begriff Achtsamkeit nichts neues für dich und es gibt einige gute Gründe, sie zu praktizieren. Mittlerweile zeigen bereits einige Studien, welche positiven Auswirkungen eine bewusste und achtsame Haltung im Alltag haben kann.

Achtsamkeit hilft uns dabei

  • zu lernen, selbstbestimmter zu handeln,
  • selbstbewusster zu leben,
  • in psychisch-emotional anspruchsvollen Situationen gelassener zu bleiben,
  • geduldiger mit uns selbst und der Welt zu sein,
  • mehr Verständnis für das eigene Leben zu entwickeln,
  • zu lernen, unseren Geist zu beruhigen und zu stabilisieren,
  • Vertrauen in den Körper und Geist zu entwickeln,
  • erfolgreicher und selbstsicherer in unserem Handeln zu sein

Als ich selbst vor Jahren den Begriff Achtsamkeit zum ersten Mal hörte, habe ich eine ähnliche Liste gesehen und gemerkt, dass ich all diese Qualitäten auch in mein Leben bringen wollte. Achtsamkeit schien mir das fehlende Puzzlestück auf meinem Weg zu einem selbstbestimmten, bewussten und erfüllten Leben zu sein. Also machte ich mich auf den Weg, herauszufinden, was wirklich hinter dieser Achtsamkeit steckt. Damals ahnte ich noch nicht, dass sie mein komplettes Leben verändern würde.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist schnell zu erklären: Es ist eine offene, neugierige und akzeptierende Haltung gegenüber dem jetzigen Moment. Dabei nehmen wir bewusst wahr, was gerade im eigenen Körper und um uns herum passiert, ohne es zu bewerten. Dazu gehören Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, körperliche Reaktionen und äußere Vorgänge.

Klingt ziemlich einfach. Ich brauche eigentlich nur das wahrnehmen, was gerade ist – was mich gleich zu der ersten wichtigen Erkenntnis führt: “Einfach” ist nicht immer leicht.

Ich dachte: „Einfach präsent sein im jetzigen Moment – nichts leichter als das“. Doch wenn wir einmal dem Moment Bewusstsein schenken, erkennen wir schnell, dass unser Geist ständig am Denken ist. Entweder bewertet er die Dinge, die er gerade sieht oder er denkt an kommende Ereignisse bzw. an die Vergangenheit. Diese spannende Eigenschaft unseres Geistes ist bereits seit Jahrtausenden bekannt. In hinduistischen Religionen wird es als Maya bezeichnet. Im Buddhismus als Dukkha und in der modernen Psychologie heißt es geistige Entropie – der Zwang unseres Verstandes, ständig denken zu müssen.

Solange in unserem Leben alles gut läuft, ist dies auch wenig besorgniserregend. Tagträumereien und Nachdenken machen uns im Normalfall nicht unglücklich. Wir verpassen zwar den jetzigen Moment, aber mehr auch nicht. Schwierig wird es erst, wenn unser Leben unruhig wird. Dann wirft uns ein unkontrollierter Geist völlig aus der Bahn. Wir verlieren uns in Selbstzweifeln, Ängsten, Grübeleien oder verbeißen uns in Problemen, die gerade nicht gelöst werden können.

Wenn die Welt still wird

Wir alle kennen es, wenn wir abends im Bett liegen und die Welt um uns herum still wird. Dann beginnt sich das Gedankenkarussell zu drehen und wir denken über die Dinge nach, die uns gerade Probleme bereiten. Was wir abends oder früh am Morgen sehr bewusst wahrnehmen, ist der Grundzustand unseres Geistes. Im Alltag nehmen wir ihn manchmal nicht wahr, weil wir mit so vielen Dingen beschäftigt und abgelenkt sind.

Halte einmal kurz inne. Wo bist du gerade geistig? Bewertest du? Denkst du? Oder schaffst du es vielleicht bereits, präsent diesen Text zu lesen? Bist du dir deiner Gefühle und Gedanken gewahr?

Diese Wahrnehmung ist der erste Schritt der achtsamen Praxis. Wir werden uns bewusst, was unser Geist den lieben langen Tag macht (ohne es zu bewerten). Diese kurzen bewussten Momente sind es, mit denen ein achtsameres Leben beginnt.

Wir fangen an, uns selbst zu beobachten. Wie ein Detektiv, der herausfinden möchte, wie du tickst. Er beobachtet neugierig, welche Gedanken du denkst, wie dein Körper darauf reagiert.  Er schaut sich die Welt um dich herum unvoreingenommen an, so als ob er diese zum ersten Mal sieht.

Die spannende Reise zu mehr Achtsamkeit

Als ich diese Reise begann, war ich erstaunt, wie viel mein Geist den ganzen Tag dachte. Er bewertete, kategorisierte und verlor sich fortlaufend in Gedanken. Ein kurzer Blick eines Fremden in der Bahn reichte, um das Gedankenkarussell anzustoßen. Ein Kleidungsstück, ein bestimmter Gesichtsausdruck und sofort glaubte ich, die andere Person einschätzen zu können.

Und wenn ich einmal nicht über die anderen nachdachte, dachte ich über mein Leben nach. Ich verbiss mich in Probleme oder Sorgen. Dachte über das nach, was in der Zeitung stand oder im Fernsehen lief. Grübelte über die Zukunft oder verlor mich in Phantasien, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte.

Zunächst war die Erkenntnis des stetig denkenden Geistes beängstigend, doch schnell verwandelte sich der erste Schock in Neugier. Ich war neugierig wie „Ich“ so ticke.

Verloren im Alltag

Trotz dieser Neugierde und ersten Erfolge sollte dieser erste Kontakt mit der Achtsamkeit nicht lange halten. Ich verlor mich wieder im Alltag. Ich hatte viel zu tun: Ein stressiger Job, eine Familie. Ziele, die ich verfolgen wollte. Aufgaben, die ich erledigen musste und so arbeitete mein Geist schnell wieder auf Autopilot. Das brachte mich zur zweiten wichtigen Erkenntnis: Der wichtigste Faktor beim Erlernen der Achtsamkeit ist Kontinuität.

Schon Jon Kabat-Zinn sagte so passend: „Achtsamkeit entsteht nicht einfach wie von selbst, nur weil man zu der Überzeugung gelangt ist, dass es nützlich und wünschenswert wäre, bewusster zu leben. Es bedarf vielmehr einer starken Entschlossenheit sowie einer wirklichen Überzeugung vom Wert solchen Tuns, um jene nötige Disziplin aufzubringen.“

Alte Programme, Gewohnheiten und Handlungsmuster bestimmen unseren Alltag. Ehe wir uns versehen, handeln wir so, wie wir immer gehandelt haben. Erst einige Monate später erkannte ich damals, dass es mit der Achtsamkeit nicht anders ist, wie mit allen anderen Fähigkeiten: Wenn wir erfolgreich darin sein möchten, müssen wir üben.

In deinem Leben steckt noch so viel Schönes!

Wir dürfen uns immer wieder daran erinnern, bewusst zu werden. Die beobachtende, bewertungsfreie Haltung einnehmen. Ich nutze dazu kleine Handlungen in meinem Alltag – sozusagen als Erinnerung. So wurde der Kaffee am Morgen eine Erinnerung, diesen bewusst zu genießen. Der Weg in die Arbeit, bewusst die Augen zu öffnen und Neues zu entdecken und eine Dusche nach dem Sport, eine Erinnerung daran, das Wasser und die Wärme mit allen Sinnen zu genießen. Stück für Stück brachte ich mehr Bewusstsein und Achtsamkeit in mein Leben. Ich erkannte Muster und Zusammenhänge und konnte diese dann lösen.

Die ganzheitlich achtsame Haltung eröffnete mir ein ganz neues Lebensgefühl. Mein unruhiger Geist wurde immer öfter still und ich konnte die Schönheit der Welt so sehen, wie sie ist. Ich erkannte alte blockierende Verhaltensmuster und konnte sie dadurch auflösen.

In Situationen, in denen ich früher in die Luft gegangen wäre, blieb ich immer häufiger gelassen. Ich entdeckte die Freude am Sein. Und all dies ist erst der Anfang. Die ersten kleinen Geschenke eines achtsamen Lebens.

Über den Autoren

Über den Autoren

Ich bin Peter Beer – Autor mehrerer Fachbücher, Psychologe, Achtsamkeitstrainer und Coach. Meine Herzensangelegenheit ist es, die achtsamen Lehren in unsere Gesellschaft zu tragen. Darum gründete ich 2015 die Achtsamkeits-Academy, die jetzt Deutschlands größte Achtsamkeits-Community ist. Hunderte Menschen, die sich gemeinsam auf einen bewussten und selbstbestimmten Weg machen.

Die Achtsamkeits-Academy zeigt allen, die ihr Leben verändern wollen, wie es möglich ist, die Herausforderungen des Lebens mit einer positiven Energie zu meistern.

Mehr Informationen findest du unter: www.peter-beer.de, oder auf Youtube.

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