Rena Cornelia Lange: Schenken ist verpackte Liebe

Warum schenken wir überhaupt? Weil wir uns, wie gerade jetzt an Weihnachten, beinahe dazu verpflichtet fühlen? Weil wir anderen eine Freude machen wollen? Weil wir uns selbst eine Freude machen wollen? Oder vielleicht beides? Die Autorin Rena Cornelia Lange sagt: „Richtig zu schenken heißt auch immer, achtsam zu schenken.“

Und diese Art zu schenken ist eine Kunst. Wer diese Kunst beherrscht, schenkt mit jedem Geschenk Liebe und Freude. Und bekommt immer auch Liebe und Freude zurück. Das Schenken kann eine Sprache des Herzens sein. Mit ihr zeigen wir einem anderen Menschen symbolisch, wie wichtig er uns ist, welche Bedeutung er für uns hat.

Über den Ursprung des Schenkens gibt es ganz unterschiedliche Theorien. Der französische Soziologe Marcel Mauss hat schon 1923 in seiner berühmten Abhandlung „Die Gabe“ das Schenken in archaischen Kulturen erforscht. Seine wichtigste Erkenntnis: Schenken ist keine abgeschlossene und keine rein altruistische Handlung, sondern ein wechselseitiges Geschehen. Geschenkt wird, um jemanden gnädig zu stimmen, Beziehungen zu stärken oder sich zu bedanken. Geben ist auch ein fester Bestandteil aller wichtigen Weltreligionen. Zu diesem Thema hat kürzlich der Deutschlandfunk eine beeindruckende Sendung zusammengestellt. Deren Hauptbotschaft lautet: Schenken ist eine Form von Gottesdienst, es hat spirituellen Charakter! Am augenfälligsten wird dies an Weihnachten. Für gläubige Christen ist das Jesuskind in der Krippe das eigentliche Geschenk, eine himmlische Gabe für die Menschen. Gott schenkt sich uns in Jesus. Wir erinnern uns daran, wenn wir einander an Weihnachten beschenken. Weil wir selbst von Gott beschenkt wurden, wollen wir unserer Freude durch Geschenke an andere symbolisch Ausdruck verleihen – so, wie es in der biblischen Geschichte auch die Heiligen Drei Könige tun. Auch wenn wir heute beim Schenken oft genug nicht Maß halten und gerade an Weihnachten in einen regelrechten Kaufrausch geraten, so ist doch der christliche Kerngedanke als solcher gut und nachvollziehbar: Geschenke als „verpackte Liebe “. Danach wäre das Geschenkpapier Schutz für diese Liebe und Verheißung.

Der Sinn von Geschenken
Was genau ist ein Geschenk? Kurz gesagt, es ist ein symbolischer Ausdruck dessen, was ein Mensch uns bedeutet. Diese Bedeutung wird im Geschenk sicht-, greif- und begreifbar. Das Geschenk erinnert uns daran, dass ein anderer Mensch uns wichtig ist, stellt eine Verbindung her, ist ein sozialer Kitt. Er hilft uns, unseren Alltag zu bestehen und mit Herausforderungen besser fertigzuwerden. Und nicht zuletzt zeigt er uns, dass wir nicht allein auf dieser Welt, sondern mit anderen Menschen verbunden sind. Ein gutes Geschenk kann eine Beziehung vertiefen oder sie eröffnen. Es kann aus Dankbarkeit für eine Freundschaft, als Anerkennung für ein Engagement, als kleine Entschuldigung oder als Trost gegeben werden.

Zeit und Zuwendung
Geschenke muss man nicht kaufen. Man kann sie erfühlen. In dem wunderschönen Bilderbuch Ein Glas Zeit von Anna Schindler und Billy Bock erlebt die kleine Zoe, dass die Erwachsenen und ihre älteren Geschwister oft keine Zeit für sie haben. Nur für den alten Alfred, den verwitweten Rentner, vergeht die Zeit viel zu langsam. Jeden Tag verbringt er einsam auf einer Parkbank. Von Alfred angeregt, bringt das Mädchen ihren Eltern und Geschwistern ein „Glas voll Zeit“ mit. Ein leeres Marmeladenglas, in das der alte Alfred symbolisch Zeit eingefüllt hat. Dieses ungewöhnliche Geschenk rüttelt die Großen auf. Sie erkennen, dass sie das Wesentliche nicht verlieren dürfen: nämlich sich mitten im Alltag immer wieder Zeit füreinander zu nehmen. Bevor Sie also Geld für ein teures Geschenk ausgeben, halten Sie kurz inne und überlegen Sie sich, ob Sie nicht lieber Zeit verschenken möchten. Gemeinsam verbrachte Zeit ist die unmittelbarste Form der Zuwendung und für viele Menschen das kostbarste Geschenk überhaupt.

Ich schenke dir (m)ein Herz!
Liebevolle Geschenke sind nicht teuer: Bücher mit Widmung, Selbstgemachtes und Kreatives. Ein selbst gepflückter Strauß oder eine einzelne Blume. Und wie wäre es, ein Herz zu verschenken? „Die Bereitschaft, etwas zu schenken, gehört zum Kern der Liebe“, so formuliert es der Seelsorger Gary Chapman. Mit Herzen können Sie diesen Gedanken ganz direkt ausdrücken. Vielleicht finden Sie bei einem Spaziergang einen herzförmigen Stein oder schnitzen ein Herz aus Holz. Vielleicht werden Sie auf einem Kunsthandwerkermarkt oder in einem Dritte-Welt-Laden fündig. Dort werden immer wieder Herzen aus Holz, Stein oder Stoff angeboten. Herzen aus Edelsteinen finden Sie in Esoterik-Läden, auf Weihnachtsmärkten oder im Schmuckbedarf. Sie können selbst ein kleines Herz aus zwei Stoffherzen zusammennähen. Füllen Sie es mit Watte oder getrocknetem Lavendel, so sorgt es im Kleiderschrank für frischen Duft. Und es hält immer die Erinnerung an die liebevolle Absicht wach.

Mut zum Risiko
Bei der Kunst des Schenkens geht es darum, unsere Zuneigung so zum Ausdruck zu bringen, dass sich der andere gemeint fühlt. Dabei sollten wir uns um Empathie und Originalität bemühen. Durch unser Handeln wird der liebevolle Gedanke konkret – durchs Suchen, Finden, selbst Herstellen und den Mut zur Übergabe. Ja, auch Mut zum Risiko gehört dazu, denn wir können nie ganz sicher sein, dass unser Präsent überzeugt.

Achtsam schenken
Karin hat ihrer Nachbarin einen Streuselkuchen zum Geburtstag gebacken. Die Nachbarin ist über 90 Jahre, sie hat früher selbst gern gebacken – nun macht es ihr zu viel Mühe. Sie kommt selten raus, und wenn doch, kann sie die Kuchen im Café nicht essen. Sie hat Diabetes, darf nur naturgesüßte Speisen zu sich nehmen. Karin recherchiert im Netz, wie sie einen Kuchen herstellen kann, den die alte Dame verträgt. Sie bäckt ihn und bringt ihn der gerührten Nachbarin vorbei. Solches Schenken ist achtsam, denn es nimmt auf Bedürfnisse und Einschränkungen der Empfängerin Rücksicht. Achtsam schenken hat mehrere Dimensionen. Erstens kann es heißen, sich die Chancen bewusst zu machen, die im Beschenken genau dieses Menschen stecken. Wer achtsam schenkt, nimmt sich Zeit. Besonders bei den Menschen, die ihm nahestehen, bemüht er sich, kein Geschenk auf die Schnelle zu besorgen, sondern sich etwas Mühe zu schenken.

Sich selbst beschenken
Sich selbst Wünsche zuzugestehen oder gar zu erfüllen fällt vielen Menschen ausgesprochen schwer. Dabei halten Wünsche uns lebendig und nähren unsere Selbstachtung. Sie verbinden uns mit dem wichtigen Gefühl der Sehnsucht, sind Ansporn, sich weiterzuentwickeln und Träume zu realisieren. Sie sind der Stoff, aus dem Visionen „geschneidert“ werden. Unsere Wünsche sind oft ein Hinweis darauf, unser Potenzial und unsere individuellen Anlagen zu leben und so unser „Geburtsgeschenk“ einzulösen. Menschen jedoch, deren Wünsche in der Kindheit übergangen, belächelt und nicht ernst genommen wurden, müssen das Wünschen häufig erst wieder ganz neu lernen.

Das teuerste Geschenk
Auch wenn das Schenken mitunter eine knifflige Sache ist und jeder von uns mal danebenliegt oder selbst etwas erhält, was nicht passt – so ist doch klar geworden: Schenken bereichert unser aller Leben. Es ist sichtbar gewordene Zuneigung, eine Form der Verbindung von Mensch zu Mensch. Wir können die Kunst des Schenkens umso mehr verfeinern, je mehr wir uns in eigene und fremde Bedürfnisse einfühlen lernen – und uns von Zeit zu Zeit in Erinnerung rufen, was wir uns selbst und was andere sich erträumen. Keiner ist eine Insel. Wir alle brauchen einander. Mit achtsamen Geschenken machen wir diese Welt fröhlicher und heller. Die Krise der Pandemie zeigt uns gewesenen Deutlichkeit, wie wichtig das Leben ist. Es ist das teuerste Geschenk. Menschen sind wieder zusammengerückt, obwohl sie äußerlich Abstand halten mussten. Durch den notwendigen Verzicht erfuhren wir aufs Neue, welche Dinge für uns wesentlich sind: Nähe und Berührung, Miteinander, Bewegung in der Natur, Zeit für uns und unsere Lieben, Solidarität, offene Ohren und Herzen. Wenn wir das bewahren, in und nach der Krise, so machen wir einander das größte Geschenk: uns selbst!

Reflexion 1
Hilfreiche Fragen beim Schenken Wer bin ich und wer bist du? Welche Beziehung haben wir? Wie kann ich unserer Beziehung sichtbar Ausdruck verleihen? Was könnte zu dir passen? Worüber hast du dich schon einmal sehr gefreut? Was vermisst du oder kannst du brauchen? Was lässt dein Herz hüpfen? Welchen Wunsch hast du schon mal geäußert? Welches Geschenk unterstützt dich in deinem Wesen, in deinen Träumen oder Hobbys? Welches Geschenk ermutigt dich oder bringt dir Freude.

Reflexion 2
Sich nachträglich Wünsche erfüllen Ziehen Sie sich an einen ruhigen Ort zurück und versuchen Sie, sich in die Zeit Ihrer Jugend zurückzuversetzen. Welche Wünsche haben sich erfüllt, welche nicht? Welche Sehnsucht nagt weiterhin in Ihnen? Können Sie sich jetzt einen Teil der unerfüllten Wünsche nachträglich selbst erfüllen? Erlauben Sie sich „verrückte“ Wünsche! Gibt es jemanden, der Sie dabei unterstützen könnte?
Wenn Sie eine starke innere Stimme spüren, die behauptet, Sie hätten kein Recht auf Wünsche, setzen Sie dagegen:
– Ich bin wertvoll und einzigartig!
– Es darf mir gut gehen!
– Ich darf Wünsche und Sehnsüchte haben!

 

Über die Autorin:
Rena Cornelia Lange ist Kunst- und Logotherapeutin (nach Viktor Frankl) sowie Heilpraktikerin Psychotherapie in eigener Praxis in Schwäbisch Gmünd. Daneben arbeitet sie als Referentin für sinnzentrierte Kunsttherapie und ist Co-Autorin mehrerer Kreativbücher. Aktuelles Buch im Scorpio Verlag: „Von Herzen geben. Die Kunst, achtsam zu schenken“.