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    Susanne Hühn: Wenn das Innere Kind ums Überleben kämpft

    Eine Sucht entsteht aus dem Versuch, einen emotionalen starken Konflikt, andere massive Schmerzen zu verdrängen oder erträglich zu machen. Das heißt aber leider nicht, dass die Sucht automatisch vorbei ist, wenn die emotionalen Konflikte gelöst oder die Schmerzen vorbei sind. Susanne Hühn über CO-Abhängigkeit & Schuldgefühle.

    Das süchtige Verhalten macht sich schnell selbstständig und braucht keinen äußeren Auslöser mehr. Wenn man süchtig geworden ist, fügt man dem ursprünglichen Konflikt einen weiteren hinzu: Das Leid des Entzuges, den sogenannten Suchtdruck. Wenn das Belohnungszentrum im Gehirn gelernt hat, auf Schmerz und Leid mit süchtigem Verhalten zu reagieren, nutzt es eben dieses schädliche Verhalten, um die unangenehmen Folgen des Verhaltens nicht fühlen zu müssen. Das Schmerzzentrum des Gehirnes ist mit dem Lust- und Belohnungszentrum gekoppelt. Hat das Belohnungszentrum ein bestimmtes Verhalten als lustvoll und schmerzlindernd erfahren, das letztlich aber schadet, dann entsteht ein sehr toxischer Kreislauf. Man leidet unter den schädlichen Auswirkungen seines eigenen Verhaltens und das Belohnungszentrum kennt darauf nur eine Antwort: mehr davon!

    Man könnte glauben, es gäbe einen fließenden Übergang zwischen Genuss und Sucht, doch das stimmt nicht. Die Sucht zeichnet sich dadurch aus, dass man die Kontrolle über das eigene Verhalten verliert, wenn man den Suchtstoff konsumiert oder das süchtige Verhaltensmuster auslebt. Genuss dagegen finden wir vor, wenn wir die echte Freiheit haben, das halbvolle Weinglas mühelos stehen zu lassen, die halbgerauchte Zigarette einfach auszudrücken, den Computer herunterzufahren, auch wenn uns die Arbeit Freude bereitet; und unser Verhalten zu ändern, wenn wir erkennen, dass es uns schadet. Man leidet in der Sucht unter seinem eigenen Verhalten, auch wenn man es vor sich selbst und anderen vertuscht. Im Genuss dagegen redet man nicht darüber, ob man mit einem bestimmten Verhalten aufhören sollte oder nicht, weil man es jederzeit kann. In der Sucht nimmt man sich vor, das ungesunde Verhalten einzuschränken und scheitert. Man agiert es oft genug heimlich aus und man weiß insgeheim, dass man ein Problem hat.

    Es ist sehr ungesund und unangemessen, jemanden auszureden, dass er womöglich süchtig ist, wenn derjenige unter seinem eigenen Verhalten leidet. Es gab einmal den Werbetext: „Ich rauche gern“. Perfider kann man einem Süchtigen nicht suggerieren, dass er sein Verhalten unter Kontrolle hat. Denn natürlich trinkt, raucht oder hilft ein Süchtiger gern. Noch viel lieber aber hätte er die Freiheit, damit aufzuhören! Dass man etwas „gern“ tut, ist kein Anzeichen dafür, dass man nicht süchtig ist. Ob das Verlangen nach der süchtigen Handlung auf die Dauer unabweisbar ist oder ob man entspannt damit aufhören kann, wenn man fühlt, dass es einem nicht guttut, ist das entscheidende Kriterium.

    Bedürftige, süchtige oder depressive Eltern zu haben, die sich nicht helfen lassen, bedeutet, dass man als Kind in permanenter emotionaler Instabilität lebt. Die eigene Welt ist existenziell gefährdet. Ist der oder die Süchtige gewalttätig, lebt man in massiver Bedrohung des eigenen Lebens. Das Kind geht in Deckung und verleugnet alle Bedürfnisse, um nicht zur Zielscheibe der permanent drohenden Aggression zu werden. Es lernt, den Süchtigen zu besänftigen und sich so zu verhalten, dass er nicht gereizt wird. Gleichzeitig versucht das Kind, den Süchtigen zu retten. Es glaubt, dass es schuld oder zumindest mitverantwortlich ist für das Suchtverhalten und viele Süchtige vermitteln auch genau das. Jeder Süchtige hat Helfer: den co-abhängigen Partner, die co-abhängigen Freunde und Familienmitglieder, die Arbeitskollegen und die eigenen Kinder. Diese werden meistens vom co-abhängigen Elternteil durch emotionale Erpressung gezwungen, keinen Ärger zu machen und dabei zu helfen, den Süchtigen zu besänftigen.

    Co-abhängig zu sein heißt nicht, dass man das süchtige Verhalten des Angehörigen oder Kollegen teilt, auch wenn es sein kann, dass man selbst ungesunde Verhaltensweisen entwickelt. Als Co-Abhängiger kaschiert man die Folgen der Sucht des Erkrankten. Man verschleiert die äußeren Schäden, die das toxische Verhalten anrichtet wie zum Beispiel ständige Unzuverlässigkeit oder unbeglichene Schulden. Der Süchtige verhält sich zum Beispiel unhöflich oder gar ausfallend und man muss die Folgen mildern. Gleichzeitig, und das ist das wirklich Gefährliche, vertuscht man unbewusst auch die Schäden, die das unangemessene und toxische Verhalten des Süchtigen im eigenen Inneren anrichtet. In der Co-Abhängigkeit verleugnet man also sowohl seine eigenen Bedürfnisse als auch die Verletzungen, die einem der Süchtige zufügt! Man redet sich ein, dass alles nicht so schlimm sei und glaubt es. Das ganze Denken und Fühlen kreist um die Probleme des Süchtigen. Ein Co-Abhängiger opfert die Beziehung zu sich selbst, um die toxische Beziehung zum Süchtigen nicht zu gefährden und um dessen ungesunde Verhaltensweisen zu decken. An der Stelle, an der man die eigenen Bedürfnisse fühlt, befindet sich die Sorge und die Fürsorge um und für den Süchtigen.

    Eine Co-Abhängigkeit erkennt man am sogenannten „Suchtdruck“, dem äußerst unangenehmen Symptom, das einen dazu zwingen will, sich weiterhin süchtig zu verhalten. In der Co-Abhängigkeit sind es Schuldgefühle. Man ist so sehr auf die Bedürfnisse eines anderen ausgerichtet, dass man in einer Art vorauseilender Fürsorge oft schon für den anderen sorgt, obwohl er nicht einmal danach gefragt hat. Das kann bis hin zur Übergriffigkeit und zur Kontrolle eines anderen gehen. In Wahrheit fühlt man die „Schuld“ sich selbst gegenüber: Man bleibt sich selbst etwas schuldig.

    Ein Co-Abhängiger definiert sich selbst darüber, dass er zur Sicherung der eigenen Daseinsberechtigung anderen hilfreich zur Verfügung steht, weil er das als Kind so gelernt hat. Ein Co-Abhängiger ist so davon abhängig davon, dass er gebraucht wird, dass er sich zielsicher hilflose, süchtige, depressive oder verdeckt narzisstische Menschen in seiner Umgebung anzieht. Er kann nicht oder nur sehr schwer zugeben, dass er selbst Bedürfnisse nach Sicherheit und Liebe hat, denn er ist von klein auf darauf trainiert, diese zurückzustellen und sich seine Sicherheit durch das Gefühl, gebraucht zu werden, zu holen.

    Wenn man also ständig dienend und hilfreich parat steht, wenn man sich leer fühlt, wenn man nicht gebraucht wird, wenn man die Bedürfnisse anderer eklatant deutlicher fühlt als die eigenen, dann braucht man Unterstützung.

    Was hilft?
    Ein Co-Abhängiger kann schon alles, was er braucht, um zu genesen. Er ist sehr empathisch, hilfreich, belastbar, mitfühlend und bereit, alles für einen anderen Menschen zu tun. Das Einzige, was ein Co-Abhängiger lernen darf und muss, ist, seine Zielgruppe zu ändern. Statt den Menschen um ihn herum zu geben, was sie so dringend zu brauchen scheinen, darf und muss er sich selbst, sein inneres Kind und sein eigenes Wohlergehen in den Fokus stellen. Das erfordert zunächst ein Loslassen derer, für die er sich aufopfert und das erzeugt massiven Suchtdruck: die besagten Schuldgefühle. Die meisten scheitern hier, weil sie den Einflüsterungen der Schuldgefühle glauben und glauben wollen: Das kannst du nicht machen, der andere braucht dich etc.
    Wenn man sich jedoch klar macht, dass man selbst sehr viel dringender braucht, was man anderen so freigiebig zur Verfügung stellt, dann wird man bereit, sich auf den Weg zu sich selbst zu machen. Der Umkehrschub der Fürsorge schafft erstmal innere Leere, doch diese war auch vorher schon da. Wir fühlen sie jetzt nur und können anfangen, unsere heilende Fürsorge zunächst uns selbst zuteil werden zu lassen. Dabei braucht man Hilfe, denn der Suchtdruck ist wirklich stark und als solcher nicht leicht zu erkennen. Schuldgefühle zwingen uns, uns doch wieder um den anderen zu kümmern. Wir müssen verstehen, dass hier ein inneres Kind um sein Überleben kämpft. Es glaubt, es stirbt, wenn es sich nicht um den anderen kümmert, weil es das in seiner Kindheit durch süchtige, selbst co-abhängige, narzisstische oder depressive Eltern so erlebt hat.

     

    ENGELmagazin Autorin Susanne HühnSusanne Hühn ist ausgebildete Lebensberaterin und ganzheitliche Physiotherapeutin. Sie schreibt spirituelle Selbsthilfebücher und gibt Lebensberatung, Channelings sowie Meditationskurse für Erwachsene und Kinder. Seit 1986 begleitet sie Menschen auf ihrem Weg zur Gesundung. Mit dem Schreiben begann sie 1992. Zuerst schrieb sie spirituelle Romane, dann vermittelte sie ihr Wissen in Sachbüchern und auf CDs, die sie mittlerweile in großer Zahl veröffentlicht hat. Mehr Informationen: www.susannehuehn.de

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