Egal, ob ein Park Ihr Leben umgibt oder ob Ihre geliebten Blumen in den Töpfen und Kästen auf dem Balkon zusammenrücken müssen. Die Autorin Marlene Fritsch zeigt uns in ihren berührenden Geschichten, wie sie von ihrem Stückchen Natur täglich fürs Leben lernt.

Mein Garten hat mich schon so oft gelehrt, was ich im Leben häufig nicht glauben will: dass ich nicht alles in der Hand habe, dass ich Dinge, die wachsen, nicht „machen“ kann, sondern es der grünen Kraft überlassen muss, was wird – und was nicht. Und noch etwas: dass das, was dann tatsächlich wird, einem unglaublich kostbar ist. Mein Zitronenbaum hatte beispielsweise jedes Jahr nur fünf oder sechs Zitronen, die wirklich reif wurden. Ich drückte sie nicht einfach für irgendeine Salatsoße aus und schnitt sie auch nicht nur zur Dekoration in Scheiben. Diese Zitronen wurden zu einem besonderen Anlass verzehrt: beim Sommerfest in einem extra für diesen Tag entworfenen Drink oder in einem ausgefallenen und aufwändigen Gericht, bei dem der Zitronensaft oder die unbehandelte Schale eine gewichtige Rolle spielten. In Krisenzeiten denke ich manchmal: Es wäre schön, wenn ich mit diesem Blick auch auf das zurückschauen könnte, was in meinem Leben geworden ist. Es mag sein, dass vieles, das ich gehegt und gepflegt habe, trotzdem am Ende nichts werden wollte: der Traumberuf oder die große Familie, eine Freundschaft. Aber trotzdem ist etwas geworden, selbst wenn es uns manchmal so vorkommt, als wäre das nicht besonders viel. Das wertzuschätzen, als Kostbarkeit zu betrachten, weil so viel Leben, so viel Mühe und auch so viel von mir selbst darin steckt – das wäre eine Haltung, die ich gerne bewusst einüben möchte. Es auch mal genug sein lassen, was geworden ist.

Liebe deinen inneren Löwenzahn
Eines Tages kam der Nachbar: „Wir möchten den Rasen frisch einsäen, könnten Sie bitte den Löwenzahn auf dem Parkplatz ausreißen, damit wir die Samen nicht in der neuen Wiese haben?“ Ich muss gestehen, ich schämte mich ein bisschen für unsere Nachlässigkeit im Unkrautzupfen, und so holte ich Messer und Eimer und machte mich daran, die Löwenzahnwiese wieder in einen Parkplatz zu verwandeln. Ein paar Wochen sah alles sehr chic aus. Sauber. Aufgeräumt. Wie aus dem Prospekt. Und dann wurde es erst ein bisschen hellgrün, dann dunkelgrün und schließlich gelb und aller Löwenzahn war wieder da. So ist das mit dem eigenen Löwenzahn. Es nutzt nichts, all das aus sich selbst ausreißen zu wollen. Es kommt immer wieder.
Beet-Brüder & -Schwestern
Ich hätte nie gedacht, dass es bei den Pflanzen ähnlich ist wie bei den Menschen: Manche vertragen sich einfach nicht miteinander. Paprika neben Gurke geht, aber nicht neben Fenchel, einem von beiden wird es schlecht ergehen. Im Kräuterbeet habe ich Majoran neben Thymian gepflanzt, beide mag ich sehr. Leider hat es der Majoran nicht überlebt. Als ich mit dem Garten anfing, wunderte ich mich, warum manches einfach nicht wachsen wollte. Doch außer den Unverträglichkeiten gibt es ja auch noch Vorlieben unter den Pflanzen, also solche, die sich gegenseitig guttun, sich unterstützen. So stehen zum Beispiel Möhren prima neben Zwiebeln. Zitronenmelisse hilft Kräutern beim Wachsen, so wie der Lavendel den Rosen.
Blüten-Ritual. Feiern wir das Scheitern 
Ist es Ihnen ähnlich ergangen und Ihr Lieblingsbaum abgestorben? Sind über Nacht die kaum aufgeblühten Kamelienknospen abgefallen? Manchmal hilft es, das Scheitern nicht einfach hinzunehmen, sondern es bewusst zu begehen. Und vielleicht etwas Neues daraus entstehen zu lassen. Eine Idee wäre, das Holz des abgestorbenen Baums bewusst zu verbrennen – bei einem Fest in einer Feuerschale, sodass sich alle daran wärmen können, oder um Stockbrot darin zu backen. Sie könnten aber auch etwas daraus schnitzen oder ein Mobile mit anderen  Dingen aus der Natur basteln und so dem Lieblingsbaum einen neuen Platz, eine neue Funktion geben. Damit noch einmal die Schönheit und die verschwenderische Pracht dieses Blumenteppichs zur Geltung bringen.
Das Ende ist der neue Anfang
Nichts und niemand ist wirklich tot, er wird nur neu, er wandelt sich und bleibt wie alle Menschen, alle Tiere, die jemals gelebt haben, alle Pflanzen, die gewachsen und wieder abgestorben sind, ein Teil der Erde, ein Teil der Materie, aus der wieder neues Leben entsteht. Wenn ich in meinen Garten schaue, dann kann ich mit eigenen Augen verfolgen, was geschieht, wenn etwas abstirbt: Es wird irgendwann zu Erde, auch wenn das häufig sehr lange dauert. Und wer einen Kompost hat, weiß es sehr zu schätzen, welche Art von Erde daraus wird. Ich bin also Teil eines Kreislaufs, der so lange währt, wie es unseren Planeten geben wird. Wenn ich in den Garten, in die Natur gehe, sehe ich überall Spuren von Lebewesen, die vor mir waren, und manche von ihnen werden noch da sein, wenn selbst meine Kindeskinder wieder von dieser Erde verschwunden sind. Ich setze mich im Sommer in den Schatten eines Waldes, den andere vor hundert Jahren gepflanzt haben, und esse die Früchte eines Apfelbaums, den meine Großeltern zu ihrer Hochzeit gemeinsam in die Erde gesetzt haben. Wenn ich darüber nachdenke, erfüllen mich Dankbarkeit und Hoffnung. Dankbarkeit für die, die mir vorangegangen sind, und Hoffnung, dass auch meine Generation der nachfolgenden etwas hinterlassen wird, das über ihre Lebenszeit hinausgeht, von dem die Nachfolgenden leben können. Wie tot die Bäume, Wiesen, Sträucher und Blumen auch immer wirken: Ich kann darauf vertrauen, dass sie wiederkommen, dass sie blühen werden, wachsen, reifen.

Über die Autorin

Für Marlene Fritsch sind neben ihrem Garten vor allem Bücher eine Quelle des Glücks. Nach ihrem Studium der katholischen Theologie und Germanistik begann sie als freie Lektorin, Herausgeberin und Autorin zu arbeiten. Zudem begleitet sie als Wanderführerin und Trauerbegleiterin Menschen auf ihrem Weg. Im Vier-Türme-Verlag ist jetzt „Mein grünes Glück. Vom Garten fürs Leben lernen“ erschienen.