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    Karl Horat: Die Hand des Engels

    Die Hand des Engels Sertão im Hinterland von Brasilien: Tausende Quadratkilometer Trockensteppe, Sand, Staub, Dornbüsche und Kakteen, auf die eine glühende Sonne unerbittlich niederbrennt. Es ist ein Landstrich, der regelmässig von Dürreperioden heimgesucht wird. Karl Horat erzählt uns heute die Geschichte von Dona Rosinha.

    Nur ein graues, schnurgerades Asphaltband, das irgendwo in unendlicher Ferne mit dem fahlen Himmel verschmilzt, lässt Zivilisation erahnen. Und dann taucht ein Örtchen auf, Itaú, dessen Gebäude sich graubraun in eine Mulde schmiegen. «Terra der Arbeit und des Gebetes» steht auf einem Schild an der Strasse. Einem der Doppeltürme der ockerfarbigen Dorfkirche fehlt gleichsam die Turmspitze.


    Rosalva da Conceiçaão (89), wir von allen liebevoll Dona Rosinha genannt, hat ihre Engelerfahrung aus Kindertagen noch überaus präsent.
    Foto: K. Horat

     

    Beim Plaudern mit ihr ergibt ein Wort das andere: Dona Rosinha, wie sie genannt wird, weiht uns in ihre Lebens-Philosophie ein: «Ich lebe jeden Tag so, als wärs mein letzter und behandle meine Mitmenschen so, wie ich von ihnen behandelt werden möchte», sagt sie. «Ich weiss, dass die Leute hier im Ort über mich witzeln, aber ich sage es trotzdem immer wieder: Wenn es jemanden gibt, den du liebst und du hast es ihr oder ihm nicht gesagt, tue es heute. Wenn die Person nicht im Ort lebt, greif zu diesem Cellular (=Handy) und sag es auf diese Weise. Wenn du mit jemandem im Unfrieden lebst, klär den Konflikt noch heute, sag, dass es dir leidtut: Jede Tag ist der Moment, um die Dinge richtigzustellen.»

    Das Erlebnis, das ihr Leben prägte
    Dona Rosinha erinnert sich noch ganz genau an das Ereignis, das ihr Leben formte: Mit Namen, Daten, Orten. Es war am 13. März 1940 als sie ihrem Engel begegnete. «Ich war damals Brennholz sammeln, im unwegsamen Gelände der Chapada do Apodi, der zerklüfteten Serra, einer Felsregion nahe dem Sítio dos Padres. Da geschah es: «Ich rutschte in einem Moment der Unachtsamkeit aus, stürzte rücklings zusammen mit viel Erde, Sand, und Grasbüscheln in eine Felsspalte.» Es war für mich wie der Sturz in die Hölle, den ich kurz zuvor mit Schaudern auf einem Bild in einer Kapelle gesehen hatte. Ich glaube, ich lag da lange bewusstlos. Als ich aus einer Unendlichkeit erwachte, lag ich in der Dunkelheit einer Höhle auf dem Rücken.

    Ich hatte noch ein Stück dürres Embiratanha-Holz in der Hand, eingesammelt zum Verfeuern daheim im Kochherd. Von oben fiel noch etwas Licht durch die Öffnung, durch die ich gefallen war. Ich war das verlorenste Kind dieser Welt – zählte damals gerade sieben Jahre – und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Ich rief nach meiner Mutter, rief meinen Vater. Und dann rief ich meinen Schutzengel, der, so hatte mir meine Vovó, die Grossmutter, das erklärt, stets für mich da wäre.»

    Beim Erzählen faltet Dona Rosinha die Hände und die Tränen purzeln wieder; so lebhaft sind ihre Erinnerung an das Schreckliche noch – selbst nach mehr als achtzig Jahren.
    «Es fühlte sich an, als ob dieses Holz eine Hand wäre, die mich führte. Boden und Wände waren rau und kratzig. Auf aufgeschürften Knien und Ellenbogen kroch ich da – endlos, wie mir schien. Wie ich raus kam, aus dem Bauch der Erde, das weiss ich nicht.»

    Die kleine Rosalva spürte plötzlich den Hauch von Nachtluft im Freien. Es gelang ihr, sich im fahlen Mondlicht zu orientieren. Sie begann zu rennen, nach Hause, ohne Brennholzbündel – aber mit dem einen Holzscheit in der Hand. Es herrschte eine grosse Aufregung vor dem Häuschen. Alle Nachbarn standen mit Öllampen auf der Veranda versammelt, bereit, die seit Stunden vermisste zu suchen. Mutter, Vater, Schwestern, Vovó – alle wollten sie in den Arm nehmen und stellten tausend Fragen. Eine heilkundige Nachbarin legte zerquetschte Aloe Vera-Blättern auf ihre zahlreichen Blessuren und umwickelte sie mit Verbandstreifen.

    Offenbar wollte sich die Mama des auf so wundersame Weise geretteten kleinen Mädchens, nach dem der Schrecken überstanden war, bei dem hilfreichen Geistwesen bedanken. Ein Jahr darauf machte sie sich mit Rosalva auf nach dem mehr als 300 Kilometer entfernten Canindé in Ceará. Der Padre im Ort, Manoel Balbino, hatte ihr das empfohlen. «Einen ganzen langen Tage waren wir unterwegs, auf der Ladebrücke eines Camions» erinnert sich Rosinha, «mit dem Rosenkranz in der Hand – und wurden durch und durchgeschüttelt». Pau de Arara – «Papageienschaukel» – wurde diese rustikale Reisemöglichkeit von damals scherzhaft genannt. Sie war populär, preisgünstig – aber strapaziös.

    «Bevor ich Anfang der 50-er Jahre João heiratete, bat ich einen Schnitzer, mir aus dem Stück Holz, dass ich in meiner Schublade aufbewahrte, einen Engel zu machen. Der murrte, dieses Holz sei so hart wie der steinige Grund, auf dem es wachsen; er schnitze nur das weichere Imburana. Ich könne ihm das Stück aber mal dalassen: falls ihm die Arbeit ausgehe, würde er sich mit dem Meissel an die Arbeit machen. Ein Jahr bekam ich diesen Engel.» Sie holt ihn aus dem Haus: Einen schmalen, rustikalen Engel aus Holz, dessen Flügel nur angedeutet sind – und strahlt ihn selig an.

     

    Karl Horat ist ein Journalist im Nordosten Brasiliens. Gelegentlich wagt er sich zusammen mit seiner Frau per Bus tief in das Innenland, wo die Bewohner der unwegsamen Halbwüste seit jeher von Volksfrömmigkeit und Wunderglaube geprägt sind.
    Die Geschichte, welche die betagte Dona Rosinha ihm da berichtete, ist ihm bis heute frisch im Gedächtnis geblieben.

    Engelwege

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