Wir sind vernetzt. Aber sind wir verbunden?
Warum wir wieder mehr echte Begegnungen brauchen
Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig miteinander verbunden zu sein scheinen. Wir schreiben Nachrichten, teilen Erlebnisse, verfolgen das Leben anderer auf Social Media und sind fast jederzeit erreichbar.
Und trotzdem kennen viele von uns dieses Gefühl: Wir sind von Menschen umgeben und fühlen uns manchmal trotzdem allein.
Vielleicht fehlt es uns nicht an Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten. Vielleicht fehlt es uns an echter Verbindung.
Wann haben wir uns zuletzt wirklich verbunden gefühlt?
Wann haben wir das letzte Mal mit einem anderen Menschen das Gefühl erlebt: Ich werde gesehen. Ich werde gehört. Ich darf genauso sein, wie ich bin.
Für mich ist diese Frage in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Denn je mehr ich mich mit Yoga, Spiritualität und meiner eigenen persönlichen Entwicklung beschäftigt habe, desto stärker wurde auch mein Wunsch nach echter Gemeinschaft. Und wenn ich darüber nachdenke, wo ich dieses Gefühl zum ersten Mal erlebt habe, lande ich erstaunlicherweise bei meiner Kindheit.
Eine Erinnerung an meine Kindheit
Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich an eine Frau, bei der ich damals regelmäßig Yoga praktizierte. Wir haben gemeinsam Übungen gemacht, uns ausgetauscht, gelacht und darüber gesprochen, wie wir uns fühlen. Ich erinnere mich heute gar nicht mehr an jede einzelne Übung. Auch die genauen Bewegungen sind verblasst.
Was geblieben ist, ist das Gefühl.
Das Gefühl, willkommen zu sein. Teil einer Gemeinschaft zu sein. Mich öffnen zu dürfen und mit meinen Gedanken und Gefühlen nicht allein zu sein. Damals hätte ich es wahrscheinlich nicht so beschrieben. Für mich war es einfach ein Ort, an dem ich mich wohlgefühlt habe. Ein Ort, an dem Menschen zusammengekommen sind.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, wird mir bewusst: Ich erinnere mich nicht zuerst an die Yogaposen. Ich erinnere mich an die Menschen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mich das Thema Verbindung bis heute begleitet.
Gemeinsam auf der Matte – und trotzdem allein
Viele Jahre später besuchte ich als Erwachsene wieder regelmäßig Yogakurse. Und plötzlich machte ich eine Erfahrung, die mich nachdenklich stimmte. Ich kam in einen Yogaraum und sah Frauen, die nebeneinander auf ihren Matten lagen. Wir atmeten im selben Raum, bewegten uns gemeinsam und verbrachten eine ganze Stunde miteinander. Und trotzdem wusste ich oft nicht einmal, wie die Frau neben mir hieß. Nach der Stunde wurden die Matten zusammengerollt, die Yogablöcke weggeräumt und alle gingen wieder nach Hause.
Natürlich kann Yoga genau das sein: eine persönliche Auszeit, eine Möglichkeit, nach innen zu schauen und sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren. Aber ich begann mich zu fragen, wo dabei das Miteinander bleibt. Wo ist der Raum für Begegnung, für ein ehrliches Gespräch und für das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein?
Und plötzlich musste ich an Social Media denken.
Wir folgen einander. Wir liken uns. Wir kommentieren. Wir sehen täglich Ausschnitte aus dem Leben anderer Menschen.
Wir sind miteinander vernetzt. Aber sind wir auch wirklich miteinander verbunden?
Yoga ist mehr als die körperliche Praxis
Yoga wird heute im Westen häufig vor allem über seine körperliche Praxis wahrgenommen: Asanas, Beweglichkeit, Kraft, Entspannung und körperliches Wohlbefinden. Und natürlich ist das ein wunderschöner Zugang. Doch Yoga ist viel umfassender. Die klassische Yogaphilosophie beschreibt einen achtgliedrigen Weg. Neben Asana, der körperlichen Praxis, gehören unter anderem Pranayama, Meditation und Konzentration dazu. Besonders spannend finde ich dabei die Yamas und Niyamas – ethische und persönliche Leitlinien, die sich unter anderem damit beschäftigen, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen. Dazu gehören beispielsweise Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Zufriedenheit.
Für mich eröffnet das einen spannenden Gedanken:
Wir arbeiten auf unserer Matte an unserer Haltung. Aber welche Haltung haben wir eigentlich gegenüber den Menschen neben uns?
Gerade im Miteinander können wir uns in Vergleichen verlieren, andere als Konkurrenz wahrnehmen oder uns selbst mit ihnen messen. Gleichzeitig erleben wir, wie viel Kraft entsteht, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und uns ehrlich über die Erfolge anderer freuen können.
Für mich sind das Fragen, die weit über Yoga hinausgehen.
Vielleicht beginnt Yoga dort, wo die Matte aufhört
Denn Yoga ist für mich nicht nur die Frage: Wie fühle ich mich in meinem Körper?
Sondern auch:
Wie begegne ich der Welt, wenn ich von meiner Matte aufstehe?
Was nehme ich aus meiner Praxis mit in meine Beziehungen? Wie spreche ich mit anderen Menschen? Wie gehe ich mit Unterschieden um?Gerade unter Frauen begegnen mir immer wieder Themen wie Vergleich, Konkurrenz und die Angst, nicht genug zu sein. Gleichzeitig erlebe ich immer wieder, wie unglaublich viel Kraft entstehen kann, wenn Frauen aufhören, sich miteinander zu vergleichen, und beginnen, sich gegenseitig zu unterstützen. Wenn aus Konkurrenz Verbundenheit wird. Wenn aus Fremden Freundinnen werden. Wenn eine Frau einer anderen vermittelt:
Ich sehe dich. Ich freue mich für dich. Und du musst dich nicht kleiner machen, damit ich größer sein kann.
Warum ich Frauen-Retreats veranstalte
Genau daraus ist auch meine Arbeit entstanden. Ich bin Yoga- und Soundhealing-Lehrerin und veranstalte eigene Frauen-Retreats in den Tiroler Bergen. Natürlich gibt es dort Yoga, Meditation, Soundhealing, Natur, Rituale und Zeit für sich. Aber eigentlich geht es mir um etwas, das darüber hinausgeht.
Es geht um die Menschen.
Um die Frau, die alleine zu einem Retreat kommt und vielleicht anfangs niemanden kennt. Um das erste gemeinsame Abendessen. Um Gespräche, die plötzlich viel tiefer werden als erwartet. Um gemeinsames Lachen. Um einen Frauenkreis, in dem jemand etwas erzählt und eine andere Frau denkt: Mir geht es genauso.
Und um diesen besonderen Moment, wenn aus einer Gruppe von Fremden innerhalb weniger Tage eine Gemeinschaft entsteht.
Das sind für mich die Momente, die bleiben.
Denn vielleicht brauchen wir nicht immer noch mehr Möglichkeiten, uns selbst zu optimieren. Vielleicht brauchen wir manchmal einfach jemanden, mit dem wir lachen können. Jemanden, der uns zuhört. Jemanden, bei dem wir nicht erklären müssen, warum wir gerade so fühlen, wie wir fühlen.
Oder einfach das Gefühl:
Ich bin nicht allein. Ich gehöre hierher.
Verbindung beginnt im Kleinen
Dafür müssen wir nicht unbedingt auf ein Retreat fahren. Verbindung kann bereits im Alltag beginnen. Indem wir eine Freundin anrufen, anstatt ihr nur schnell eine Nachricht zu schreiben. Indem wir beim nächsten Treffen unser Handy bewusst zur Seite legen. Indem wir wirklich zuhören, anstatt schon während des Gesprächs über unsere eigene Antwort nachzudenken. Indem wir einer anderen Frau ein ehrliches Kompliment machen. Oder indem wir jemanden, der gerade etwas abseitssteht, in ein Gespräch einbeziehen.
Vielleicht bedeutet Verbindung auch, selbst verletzlich zu sein. Zu sagen: Das beschäftigt mich gerade. Oder: Ich weiß gerade auch nicht weiter.
Denn oft entsteht genau dort Nähe, wo wir aufhören, perfekt wirken zu wollen.
Über den Rand unserer eigenen Yogamatte hinaus
Wenn ich heute an das kleine Mädchen zurückdenke, das damals zum Yoga gegangen ist, verstehe ich besser, warum diese Erfahrung so prägend für mich war.
Es war nicht nur die Verbindung zu mir selbst.
Es war die Verbindung zu den Menschen um mich herum.
Und genau dieses Gefühl möchte ich heute weitergeben.
Ich wünsche mir, dass wir Yoga nicht ausschließlich als körperliche Praxis betrachten, sondern auch die Haltung, die dahintersteht, mit in unseren Alltag nehmen. Denn echte Verbindung entsteht nicht automatisch dadurch, dass wir uns begegnen. Sie entsteht, wenn wir wirklich präsent sind, zuhören und einander mit einer offenen Haltung und echtem Interesse begegnen. Wir sind heute so stark miteinander vernetzt wie wahrscheinlich nie zuvor.
Und trotzdem bleibt die Frage:
Sind wir auch wirklich miteinander verbunden?
Vielleicht brauchen wir nicht noch mehr Möglichkeiten, nebeneinander zu existieren. Vielleicht brauchen wir mehr Mut, wirklich aufeinander zuzugehen. Mehr echte Gespräche. Mehr Räume, in denen wir uns nicht vergleichen müssen.
Und vielleicht beginnt genau das mit einer ganz einfachen Entscheidung:
Den Menschen neben uns nicht nur wahrzunehmen, sondern ihm wirklich zu begegnen.
Denn Yoga kann uns mit uns selbst verbinden. Aber was wir aus dieser Verbindung in die Welt tragen, liegt in unseren Händen.
Vielleicht ist es Zeit, wieder ein Stück über den Rand unserer eigenen Yogamatte hinauszuschauen.
Bilder © Johanna Erckert
Veronika Riedmann ist Yoga- und Soundhealing-Lehrerin aus Tirol. In ihren Frauen-Retreats in den Bergen verbindet sie Yoga, Klang, Natur und Rituale mit ihrem Herzensanliegen: Frauen zusammenzubringen und echte zwischenmenschliche Verbindung zu ermöglichen.
Website: www.veronikasoundyoga.com











