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    Sabrina Fox: Rückzug!

    Rückzug, Stille, Einsamkeit. Wie hört sich das an? Erschreckend oder bereichernd? Etwas, das gelegentlich notwendig ist oder unbedingt zu vermeiden ist? Einige fühlen sich zu oft allein und vermissen liebende Menschen, die an ihrer Seite sind. Wieder andere haben es bisher vermieden, allein zu sein, und fürchten sich davor.

    Das Miteinander hat viele Aspekte. Nützliche, aber auch manchmal unpraktische. Das Nützliche ist die gegenseitige Unterstützung. Liebe. Aufmerksamkeit. Nähe. Geborgenheit. Das Unpraktische am Miteinander ist, dass wir uns manchmal zu sehr anpassen. Nicht mal mehr wissen, was wir selbst eigentlich wollen. Wir machen was „man/frau“ eben machen soll. Wir leben so, wie es unsere Umgebung möchte oder es gesellschaftlich angesehen ist und trauen uns nicht mehr, unsere eigene Kreativität und damit unser eigenes Leben so zu gestalten, wie wir es gestalten möchten.
    Wenn wir das Schlafzimmer-Beispiel nehmen: Ein Paar, das sich liebt, schläft zusammen. Punkt. Wenn es getrennte Schlafzimmer gibt, dann nur, wenn eine*r von beiden schnarcht. Sonst ist das ein Warnzeichen für die Beziehung. Klingt das vertraut? Manche besprechen ihren eigenen Wunsch nicht einmal mit ihrem Partner, ihrer Partnerin. Und so quälen sich viele durch einen unruhigen Schlaf, weil man das eben so macht. Was würde also passieren, wenn wir wirklich – wirklich! – auf uns selbst hören würden?
    Oder mein Beispiel mit dem Barfußgehen. Ich gehe seit sieben Jahren die meiste Zeit barfuß. Viele schreiben mir, dass sie sich nicht trauen, aber es gerne tun möchten. Was ist das „Nicht-trauen“ eigentlich? Es ist unsere Angst davor, die Anerkennung unserer Umgebung zu verlieren. Wir werden „anders“. Und tief in uns im Säugetiergehirn ist verankert, dass uns deswegen die Gemeinschaft ausschließen könnte und wir dadurch sterben. Ganz früher war das auch ein wirkliches Risiko. Heute nicht mehr. Trotzdem wird diese Angst noch angetriggert.

    Unsere eigene Anerkennung.
    Viele von uns haben verstanden, dass es unsere eigene Anerkennung ist, die uns dabei hilft, ein erfülltes Leben zu führen. Und dass uns dies mit unserem Wunsch nach Anerkennung von außen nicht gelingen wird. Im Gegenteil. Wir werden uns dadurch nie gut genug, klug genug, schön genug, weise genug fühlen, denn es gibt immer etwas zu „erreichen“ und immer jemanden, der „mehr“ hat oder ist als wir.
    Wie ein Wurzelwerk sich unsichtbar und unter der Erde entwickelt, wie sich eine Raupe im Kokon zum Schmetterling verwandelt, wie ein paar Zellen im Mutterleib zum Menschen werden, so brauchen auch wir Zeiten der Stille und des Rückzugs.
    Seit Dezember 2019 hatte ich einen leeren Kalender. Ich war weder krank noch erschöpft noch im Burnout. Ich war auch nicht gelangweilt oder unglücklich in meinem Leben. Und obwohl ich ein Leben führte, für das ich sehr dankbar war, wusste ich doch, dass meine Seele von mir eine Änderung verlangte. Mir wurde damals klar, dass ich zu viele Wecker in meinem Leben gesetzt hatte. Wecker, die mir sagen, was ich zu tun habe, wo ich wann zu sein habe, wen ich zu treffen habe und was ich zu erledigen habe. Und daran war ich gewohnt; seit über vierzig erwachsenen Jahren.
    Ich begann Anfang 2019 Nein zu sagen, um meinen Kalender leer zu kriegen. Im November 2019 hielt ich meinen letzten Workshop. Ab dann tickte nichts mehr. Ich verbrachte meine Zeit in meinem Hängesessel im Garten oder im Wald. Das Volle wird leer. Das Aktive macht Platz für Pause. Die Wogen im Kopf glätten sich. Ich wanderte durch leere Räume in meinem Hirn und wartete.
    Ich hörte auf mich zu verabreden. Hörte auf zu schreiben. Dann hörte ich auf zu trommeln. Und sogar auf zu singen. Dann verlor ich meine Lebenslust und meinen kreativen Schwung. Das hatte mich überrascht, denn ich nahm an, dass ich mit einem leeren Kalender eben mehr Zeit für Kreativität haben würde. Aber dem war nicht so.
    Ich weiß aus Erfahrung, dass neue unbekannte Zeitqualitäten – in der das Alte abfällt und das Neue noch nicht entstanden ist – wichtig und notwendig für die Entwicklung sind. Es braucht diese „Geburt“ in das Neue. Es gelang mir meine Gedanken in einer Wartestellung zu halten: „Ah, wie interessant, was da gerade mit mir passiert.“ Und eben kein: „Wie furchtbar, wie schrecklich, wie unangenehm.“
    Ich wartete. Erwartete, dass sich aus dem leeren Stoppelfeld, das jetzt mein Leben war, wieder etwas entwickeln würde. Aber es entstand (noch) nichts. Es blieb still. Dann kam Corona. Und es wurde noch stiller.
    Jede und jeder verbrachte diese Zeit – und verbringt sie immer noch – passend zum eigenen Seelenweg. Ich schreibe hier über meinen, natürlich wissend, dass es für viele eine völlig andere Situation gibt: Überforderung. Schnelligkeit. Sorgen. Und doch erlebten nicht wenige Mitmenschen eine ähnliche Zeitqualität. Wir entdeckten die Langsamkeit. Und zu meinem großen Erstaunen gefiel sie mir. Das war ich nicht gewohnt.

     

    Alles, was ich bisher machte, war schnell. Ich bewege mich schnell. Ich denke schnell. Ich organisiere schnell. Ich esse sogar immer noch zu schnell. Die Zeit war meine strenge Begleiterin. Eine, die mit einem Wecker in der Hand neben mir herlief – manchmal auch mit einer Peitsche. Zuerst verlor meine Begleiterin ihre Peitsche, dann den Wecker. Und dann lief sie nicht mal mehr neben mir her.

    Die Zeit fing an unkonkreter zu werden, flüssiger und entschieden langsamer. Selbst die Stimme, die mich mein ganzes Leben lang vorwärtsgetrieben hatte, wurde still. Es blieb ihr ja auch nichts anderes übrig.
    Wochen vergingen. Die Lebenslust kam nicht zurück – aber ein anderes Gefühl: Da entwickelte sich eine Art Lebensstille. Ein angenehmes und doch unvertrautes Gefühl. Nichts in mir trieb mich vorwärts. So muss sich eine Pflanze fühlen, die sich keine Gedanken darüber macht, ob sie wächst.

     

    Ich bewegte mich langsam vom Sinn (etwas zu tun) zum Sein. Ich merkte, dass ich mich von Ego-getriebenen Zielen komplett löste. Seit 40 Jahren stehe ich mehr oder weniger in der Öffentlichkeit. Erst durch meinen früheren Beruf als Fernsehmoderatorin, dann mit Vorträgen, Workshops, Büchern und Interviews. Da gab es Ziele. Erfolge & Misserfolge. Vergleiche. Nichts davon hatte ich mehr. In diesem Seinszustand gab es nichts mehr zu erreichen. Nichts mehr zu erschaffen. Ob ich jemals wieder schreibe, jemals wieder öffentlich etwas mache – all das war bedeutungslos geworden. Ich war in meiner eigenen Stille, in meinem eigenen Sein angekommen. Und doch war es nicht „mein eigenes“ Sein. Es war viel weiter als das. Oft löste ich mich auf. „Sabrina“ wurde meine Avatarin, mein Spielzeug, mein Mensch: Erspürt und erfühlt als „Einzeln“ und – je nach Meditationstiefe – gleichzeitig als Teil eines „Nichts“ oder … Teil von allem.

    Wieder vergingen Wochen, in denen ich diesen Zustand tief erspürte. Ich verbrachte Stunden in der Meditation und erfreute mich an diesem intensiven Körpergefühl und an dem, was ich an und um mich herum erspürte: Pulsierende Farben. Geometrische Figuren, die sich in und um mich bewegten. Die Anwesenheit der Engel.
    Dieser Weg ist vielen vertraut. Wir wechseln unseren Treibstoff. Das ist auch bei der in der Gesellschaft besprochenen Energiewende eine große Sache. Und eben auch in unserem persönlichen Energiewechsel.

     

    Wir sind hier, weil wir weise werden wollen. Die Wandlung zeigt ihr Ende dadurch, dass wir wieder Interessen außerhalb unserer eigenen Stille erspüren. Erspüren ist hier das wichtige Wort. Wir zwingen uns nicht zur Aktion, wir warten, bis sie sich zeigt. Zeitgleich entsteht das dringende Bedürfnis, das zu verändern, was sich durch die Zeit der Stille erledigt hat. Ich zum Beispiel habe einiges in meinem Leben und in meinen Finanzen vereinfacht. Ich warf Ballast ab. Löste mich von Altem. Gleichzeitig wurde mir klar, dass es in mir immer noch diesen tiefen Wunsch gibt, etwas zum Wohl meiner Mitmenschen und der Welt beizutragen. Was und wie möchte ich mitgestalten? Ich ahnte beim Erschaffen meiner drei Onlinekurse vor zwei Jahren schon, dass ich neue Workshops nicht mehr geben werde. Ich dachte über andere Möglichkeiten der Unterstützung nach. Ein Podcast vielleicht? Ich wusste, ich wollte nicht wiederholen, was ich schon in den Onlinekursen oder in Workshops geteilt hatte. Das wäre wieder das Gleiche gewesen. Aber was dann? In der Stille der Meditation fragte ich nach und die Antwort machte für mich Sinn: „Erzähle, wie du Dinge handhabst“. Das machte ich dann und nannte meinen Podcast passenderweise „Sinn&Sein“.

    Vor ein paar Wochen tauchte die Musik wieder stärker auf. Ich erspürte eine innere Begeisterung, als ich von einem alten Mantra hörte und hatte Lust es zu vertonen. Bald oder später – jetzt ohne Wecker oder Zeitdruck – wird es auf meiner Website neue Musik und Meditationen geben.
    So begann wieder etwas mehr im Kalender zu stehen. Doch jeder Eintrag wird sorgfältig betrachtet. Ich weiß, dass es diese Phasen der Integration gibt, in der das Alte noch nicht verschwunden und das Neue noch nicht stabil genug ist. Um diesen Wechsel zu vollziehen, braucht es die größte Aufmerksamkeit.
    Wenn wir erspüren, dass die Zeit gekommen ist – oder wir dazu durch unseren eigenen Seelenweg gezwungen werden – dann ist der Rückzug ein Geschenk, das wir uns selbst machen: Wir ziehen uns für eine Weile komplett nach innen. Klärend. Aufräumend. Unbeachtet von außen. Unbeeinflusst von außen. Alleine. Wie bin ich mit mir? Was mag ich mit mir tun? Verbringe ich genug Zeit nur mit mir? Und in diesem neuen Sein erforschen wir eben auch das, was uns ausmacht: Wir erleben uns als souverän, weit, stabil, liebend und … unendlich. Und erkennen dort unser eigentliches Zuhause.
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    – So bleiben wir in Kontakt: sabrinafox.com
    – Jede Woche neu: SINN&SEIN – der neue Podcast von Sabrina Fox.
    Mehr Informationen unter: sabrinafox.com

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