Eine Krankheit kann alles verändern, unsere Einstellung zum Leben, unsere Welt, uns selbst. Die Autorin Christine Hyung-Oak Lee erzählt von Ihrem schlimmsten Schicksalsschlag.

„Ich schwor mir, von nun an jedes Jahr zu leben, als wäre es mein letztes. Dies hatte zur Folge, dass ich mein Leben nicht länger nach Adams Grundsätzen lebte. So habe ich Adam verloren. So hat Adam mich verloren“, schreibt Christine Hyung-Oak Lee über ihr Erwachen nach dem Schlaganfall. Adam war ihr Mann, ihre Jugendliebe, der Vater ihrer Tochter, das Zentrum ihrer Welt. Es geschah an Silvester, die Schriftstellerin war 33, als sie mit starken Kopfschmerzen erwachte. Sie hatte sich auf den Bordstein neben den Parkplatz gesetzt, vollkommen erschöpft, während ihr Mann in den Baumarkt ging. Ihre Gedanken verstummten, ihr Gehirn wurde still und stockdunkel, so schien es ihr: „Ein Teil von mir war kurz vor dem Ersticken, bekam keine Luft mehr – und starb.“ Ihre Welt war gekippt, um 90 Grad. Was auf dem Parkplatz stand, sah sie neben sich liegen. Autos, Schneefräsen, Bäume …

Christine Hyung-Oak Lee hatte einen Schlaganfall, wie man Tage später, nach Stunden in der Notaufnahme, unzähligen Fragen und Tests feststellen wird. Sie verliert ihr Gedächtnis, ihre Identität, ihre Beziehung zur Zeit, in der sie lebt. Sie hat Probleme, die richtigen Worte zu finden. „Ich hatte das Gefühl, als fehlte mir ein ganzes Stück von meinem Gehirn, das sich irgendwo anders köstlich amüsierte, ohne mich“, wird sie Monate später in ihrem Internet-Blog schreiben, der auf ihrem Weg zurück ins normale Leben für sie so was wie ein Ersatzgedächtnis wurde. „Ich war mir bewusst, dass mein Gedächtnis weg war; zwar versuchte ich mich an Dinge zu erinnern, aber jedes Mal, wenn ich mein Denken auf eine bestimmte Aufgabe oder Erinnerung richten wollte, sah ich mich lediglich mit den staubigen Fußspuren jenes Wissens konfrontiert, über das ich nicht länger verfügte. Mein Warenlager fühlte sich so gut wie leer an. Obwohl es das nicht war.“ Gedanken schwirren durch ihren Kopf, die sich wie verworrene Träume anmuten, die man am Morgen nicht mehr zusammenkriegt. „Mithilfe meiner Notizen bestritt ich den Alltag. Sie waren für mich eine Art Handbuch zur Orientierung. Mein Tagebuch musste die Defizite meines Gehirns wettmachen. Erinnerungen an gewisse Dinge gingen für immer verloren. Weil ich sie mir nicht notiert habe. Einfach weg“, schreibt sie in ihrem neuen Buch („Der Tag, an dem mein Hirn stillstand“).

Nach einer Woche wird sie entlassen, sitzt im Rollstuhl am Gehsteig vor der Klinik, wartet auf ihren Mann, kommt sich vor wie ausgesetzt in eine fremde Welt. Jedes Geräusch empfindet sie laut wie einen Schrei. Sie sehnt sich nach Wärme, Nähe. Er macht alles für sie, sorgt wie für ein Kind, legt ihr am Morgen die Klamotten für den Tag raus, Jahre lang, ihre Ehe dümpelt dahin. Sie schreibt: „Ich war vollkommen isoliert und von anderen abgeschnitten. Früher war ich ein sehr geselliger Mensch gewesen – extrem extrovertiert. Nach meinem Schlaganfall empfand ich jedes zwischenmenschliche Miteinander nur noch als ermüdend. Aber ich führte ein Gedächtnistagebuch. Ich wollte zumindest mit mir im Dialog bleiben.“ 2013 brachte sie ihre Tochter zur Welt. Ein Jahr später trennte sie sich von ihrem Mann. Christine Hyung-Oak Lee fand ihr eigenes neues Leben.

Die preisgekrönten Kurzgeschichten und Essays von Christine Hyung-Oak Lee erschienen unter anderem in und auf „ZYZZYVA“, „Guernica“, „The Rumpus“, „The New York Times“ und „BuzzFeed“. Nachdem sie mit 33 Jahren einen Schlaganfall erlitt, ist sie mittlerweile Mutter einer Tochter geworden und lebt mit ihrer Familie in Berkeley, Kalifornien.
Mehr Informationen unter: www.christinehlee.com
Ihr Buch erschien im Kösel-Verlag „Der Tag, an dem mein Hirn stillstand. Wie ich mit 33 meinen Schlaganfall erlebte und zurück ins Leben fand“. Erhältlich auch unter: www.mondhaus-shop.de