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    Barbara Pachl-Eberhart: Die Frage, die Stille und die Antwort

    Woraus beziehen Sie Ihre Kraft? Was für eine schöne Frage. Finden Sie nicht auch? Sie ist nicht rhetorisch gemeint. Ich stelle sie nicht in den Raum, ich werfe sie nicht einfach auf. Ich wäre tatsächlich neugierig auf Ihre Antwort.

    Besonders auf die Art von Antwort, die nach ein paar Momenten der Stille kommt. Woraus beziehen Sie Ihre Kraft? Ich selbst darf mich glücklich schätzen, dass mir diese Frage ab und zu ehrlich gestellt wird, von Menschen, denen meine Antwort bedeutsam erscheint. Erst vor ein paar Tagen war es wieder einmal so weit. Ich war zu einem Interview gebeten und konnte mir schon am Vortag (so mag ich es am liebsten) die Fragen zu Gemüte führen. Am Tag des Termins war ich eigentlich nicht besonders gut drauf. Eine arbeitsreiche Woche lag hinter mir, die Babysitterin war ausgefallen, ein Termin, auf den ich mich gefreut hatte, war wegen Corona abgesagt worden. Ich fühlte mich erschöpft und nicht gerade weise oder klug. Aber ich hatte keine Wahl: Das Interview war ausgemacht, ich musste pünktlich vor dem Zoom-Bildschirm erscheinen und meiner Gesprächspartnerin Rede und Antwort stehen. Wir unterhielten uns per Video. Das hieß, ich machte mich vorher schön. Schon das änderte meine Stimmung, ich fühlte mich besser, als ich mein rosarotes Lieblingskleid anzog und mich mit meiner hellrosa Kette schmückte.

    Jedes Mal, wenn ich diesen Effekt bemerke, denke ich an meine Therapeutin, die vor fast schon zehn Jahren zu mir sagte: „Ich gebe Ihnen eine Hausaufgabe, sie besteht aus fünf Dingen. Jeden Tag aufstehen, lüften, duschen, etwas Schönes anziehen und das Haus verlassen, und sei es nur, um ein Brötchen zu holen. Wenn Sie das schaffen, sind Sie schon ganz toll. Der Rest ist Bonus, aber nichts, was jemand von Ihnen verlangen darf.“ Natürlich ist es nie bei diesen fünf Dingen geblieben, nicht einmal an jenen Tagen, an denen mir kaum ein Grund zum Aufstehen einfallen wolle. Kaum war ich brav geduscht und angezogen, kaum hatte ich das Haus verlassen, kam ein wenig Energie, kam eine Idee, kam ein netter Mensch ums Eck, kam ein kleiner Plan für den Tag, kam die Freude über das Wetter oder die Freude darüber, dass es zu Hause wärmer war als im kalten Wind. Wie genau das alles funktioniert und warum es sich täglich aufs Neue bewährte, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass mein Schrank Kleidungsstücke enthält, die auch an motivationsbefreiten Tagen verlässlich Wunder wirken. (Die anderen habe ich, Marie Kondo sei Dank, inzwischen fast zur Gänze entfernt.)

    Nun saß ich also hübsch und zufrieden vor dem Laptop und hatte noch eine halbe Stunde Zeit. Ich machte mir Notizen. Und staunte, wie so oft, darüber, was eine Sekunde Stille alles kann. Ich ging Frage um Frage durch. Woraus beziehe ich Kraft? Was hat die Welt derzeit zu lernen? Was lerne ich von meiner kleinen Tochter? Wo wird die Menschheit in zwei Jahren stehen? In wie fern hilft mir meine Clownerfahrung dabei, mein Leben zu meistern? Auf keine dieser Fragen hatte ich gleich eine Antwort. Müsste ich schnell etwas sagen, kämen vermutlich nur Plattitüden aus meinem Mund, die ich sofort bereute. Doch einmal atmen, einmal nach innen lauschen, nach einer Antwort graben, ohne sie wissen zu müssen, das dauert nicht lang und bewirkt doch Wundersames. Aus dem Nichts, ja: buchstäblich aus dem nötigen, gut leeren Nichts taucht etwas auf, das mich selbst interessiert. Ein Gedanke, eine Gegenfrage, ein Erlebnis, eine Metapher. Ich habe diese Qualität des Gedankenmachens erst kennengelernt, als ich die ersten Interviews meines Lebens gab. Nie zuvor hatte ich die Möglichkeit, aus diesem leeren, so prallvollen Nichts zu schöpfen. Nie zuvor habe ich mich getraut, erst einmal still zu werden und etwas kommen zu lassen, das nicht schon auf der Zunge lag. Wenn ich Zeit habe, mich vorzubereiten, gelingt das besonders gut. Inzwischen nehme ich mir den kleinen Stillemoment aber auch im spontanen Gespräch. Manchmal sage ich es sogar laut: „Ich denke erst einmal nach.“ Oder: „Diese Frage hat eine echte Antwort verdient, da brauche ich ein bisschen Zeit zum Denken.“

    Manchmal denke ich, dass es so etwas wie „Interviewtherapie“ geben sollte. Die Kombination aus interessanten Fragen, ausreichend Zeit und einem Gegenüber, das einem wirklich zuspricht, dass man etwas zu sagen hat, erlebe ich als überaus heilsam. Interviews sind Begegnungen, die, was mich angeht, fast immer wundersame Wirkung erzielen. Eine halbe Stunde Gespräch, und danach ist man nicht mehr wie vorher. Man ist gewachsen. Man fühlt sich klug, kompetent – so, als hätte man tatsächlich alles im Griff, so, als hätte man ein paar Zipfel dessen in der Hand, was es wirklich zu wissen, zu sagen und zu im Leben beherzigen gilt.

    Auch diesmal hat es wieder geklappt. Der Dank meiner Gesprächspartnerin für das, was ich gesagt hatte, klang aufrichtig. Und auch ich selbst fühlte mich genährt von dem, was im Gespräch, durch ehrlich interessiertes Zuhören und das Bemühen um wahrhaftige Antwort, entstanden war. Gerade habe ich recherchiert und herausgefunden, dass ich Andy Warhols Zitat, jeder sollte das Recht auf 15 Minuten Berühmtheit haben, falsch gedeutet hatte. Er meinte es eher zynisch, als Zukunftsprognose einer schnellebigen Pop-Up-Kultur, in der der ständige Kampf um die flüchtige Aufmerksamkeit der „Fans“ alles dominieren und Schaffensprozesse beeinflussen würde. Egal. Ich jedenfalls finde, es sollte ein Recht auf Interviews geben. Jeder Mensch hat es verdient, dass ihm auf diese Weise zugehört wird. Jeder Mensch sollte sich so fühlen dürfen, als hätte er etwas zu sagen, das für andere wertvoll, hilfreich und wegweisend ist. Er hat es. Es braucht nur ein Gegenüber. Ein Ohr. Ein bisschen Stille zwischendurch. Und Fragen, die sich nicht leicht beantworten lassen. Wie zum Beispiel: Woraus beziehen Sie Ihre Kraft?

     

    Barbara Pachl-Eberhart, 46, arbeitet als Autorin und Schreibpädagogin in Wien. Für das ENGELmagazin geht sie auf die Suche nach den Wundern des Alltags. Die Bücher der Bestseller­autorin gibt es auch unter: www.mondhaus-shop.de

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