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    Christian Holzknecht: Der Krieger, der die Liebe fand

    Wie eine gute Geschichte immer am Anfang beginnt, beginnt auch die Lebensgeschichte von Christian Holzknecht in seiner Kindheit. Er ist als letzter von vier Kindern in den Verbund der Familie gestoßen worden und er hatte sich nie wirklich dazugezählt. Er war immer irgendwie anders und wollte aber nie so sein, wie die anderen.

    Mein Plan von dazumal: Werde schnell erwachsen, werde hart und zeig keine Gefühle. Damit bekomme ich den notwendigen Respekt, damit nicht auffällt, wie klein, schmächtig und ängstlich ich mich fühle. Das führte zu vielen Raufereien und einem auffälligen und rebellischen Muster in der Schule. Schlechte Noten und der Ruf, nicht anpassungsfähig zu sein, waren das Ergebnis. Dabei habe ich auch gelernt, dass dagegen sein eine gewisse Abhärtung braucht und die wollte ich ja eh groß machen.

    In der erwachsenen Welt angekommen war es wieder nicht so, wie ich mir das überlegt habe. Ich wollte mich beim österreichischen Bundesheer verpflichten, um Heeresbergführer zu werden. Dem Bundesheer war das egal und so machten sie mich zum Kraftfahrer und ich war nach 8 Monaten froh, aus dieser Zwangsveranstaltung wieder draußen zu sein. Nächster Plan A war, ich werde Fotograf und bereise damit die Welt. Das hat mir schon als Kind großen Spaß gemacht, wenn mich mein Vater den Film seiner Kamera wechseln ließ. Anstatt Fotograf, habe ich dann eine Lehre als Elektriker gemacht. Warum? Weil das die einzige verfügbare Lehrstelle in dem Dorf war, wo ich aufgewachsen bin. Egal, dachte ich mir, ich habe ja gelernt dagegen zu sein. So kaufte ich mir mit dem ersten Lehrgeld, 1300 Schilling, meine erste gebrauchte Kameraausrüstung und drei Wannen, um die Fotos selber zu verarbeiten.

    Dieses „ich tu was, weil es von mir verlangt wird und nicht das, was ich eigentlich tun will“, zog sich durch einige meiner jungen Erwachsenenjahre. Bis ich endlich so hoch verschuldet war, dass mir finanziell kein Ausweg blieb, als wieder die Uniform anzuziehen. Die Vereinten Nation schickten mich als Kraftfahrer nach Zypern, wo am Antrete Platz das erste Wunder geschah. Der Spieß (Dienstführende) fragte in die Runde, ob jemand der Neuankömmlinge fotografieren kann. Fünf Hände gehen hoch. „Und kann jemand von euch auch selber entwickeln?“, war die nächste Frage. Vier Hände gingen runter, meine war noch oben. Und so wurde ich der Fotograf der Vereinten Nationen und das blieb ich auch noch für ein paar Jahre.

    In dieser Zeit wurde für mich klar, möglicherweise kann ich von der Fotografie leben und dazu brauche ich „meinen“ Stil. Die Wahl fiel auf Helmut Newton, dessen sexistische Fotos von dazumal mir gut gefielen. Noch dazu lebte und arbeitete der Typ immer mal wieder in Los Angeles und das wollte ich auch. Perfekt, das kopiere ich und werde berühmt damit. Der Bürgermeister von Famagusta, im türkischen Teil von Zypern schlug mir vor, eine Ausstellung zu machen. Er wollte damit zeigen, dass die zypriotischen Türken sehr modern sind. Die Ausstellung war ein Erfolg und weil ich es nicht genehmigen ließ, schmissen mich die Vereinten Nation darauf hin raus. Gut für mich, denn jetzt war es Zeit für Los Angeles und meine Karriere.

    In den vielen kargen Jahren und nach vielen sehr frechen Ideen hatte ich dann doch sowas wie Erfolg. Ich hatte Kalenderkunden, die mir für eine Art Glamour-Fotografie Geld gaben und ich durfte auch für namhafte Magazine wie z.B. den deutschen Playboy Promis fotografieren. Die Menschen um mich herum feierten mich, klopften mir auf die Schulter und ich wurde immer öfter gebucht für private Fotoshootings. Los Angeles war dafür ein guter Platz und dennoch hat sich über diesen Erfolg im Außen, den ich übrigens sehr selten selber gefühlt habe, ein komisches Gefühl gelegt. Ich hatte fast nur Frauen vor der Kamera und fast immer war es so, dass diese Frauen sich selber gar nicht schön gefunden haben. Mal mehr, mal weniger. Jedenfalls kamen sehr oft in diesen privaten Shootings Frauen mit dem Anliegen zu mir, mach mich schöner, als ich bin. Oder wie ich es oft interpretiert habe: „Mach, dass ich mich schöner fühle, als ich es grad tu.“ Also egal ob mit Licht, Fotohandwerk oder in letzter Instanz mit Bildbearbeitung. Naiv, wie ich dazumal war, habe ich es versucht und oft nicht geliefert.

    Da war es wieder, dieses Scheißgefühl, dass ich wieder nicht richtig war. Nicht in der richtigen Familie, nicht der richtige Mensch, nicht im richtigen Beruf. Nicht liebenswert, wie diese Frauen, nicht ehrlich, weil ich mit der Kamera nur Lügen erzähle … Das nervt, verdammt. Da habe ich mich erinnert, mit der Waffe in den Ländern wo die Menschen ums Überleben gekämpft haben, da war das nicht so. Entsprechen zu müssen oder gefallen zu müssen, gar lügen zu müssen, um gemocht zu werden. Im Krieg war die Welt also in Ordnung. Bitte? Kannst du das bitte noch einmal denken? Im Krieg war die Welt in Ordnung? Genau so war es für mich. Wieder etwas von dem ich wusste, dass ich es im Außen nicht erzählen kann. Ich liebte die Fotografie und hasste die damit verbundene verlogene Branche. Ich liebte den Krieg, die damit verbundene Ehrlichkeit, und hasste die Gewalt, die damit einherkam. Wie soll ich daraus je ein Leben machen, ich meine „EIN“ Leben und kein Doppelleben. Dafür, und zum Glück wusste ich das damals nicht, werden noch einige Jahre ins Leben ziehen.

    Ich war als Fotograf in dieser verlogenen Werbewelt nie wirklich erfolgreich. Vielleicht auch, weil ich es selber sabotiert habe, um wieder zur Erholung in den Einsatz „zu müssen“. UNO oder NATO waren ja keine Option mehr für mich und so bin ich in den privaten Sektor gewechselt und habe als PMC (Private Military Contractor) im Personenschutz gearbeitet. Es war, als ob ich die Kamera und die Waffe im selben Spint aufbewahrte. Beide wollten wichtig sein, die Nummer eins sein und so war es mit meinem Leben. Ich hatte einfach zwei davon, immer schön geheim gehalten von der gegenüberliegenden Seite. Bis ich irgendwann nicht mehr wusste, wen ich mit was angelogen habe. Endlich an meiner Krise angekommen wusste ich es: Jetzt muss ich was tun. Oder einfach alles nicht mehr tun. Aufhören, vielleicht auch mit dem Leben, weil das bis dahin immer nur noch verwirrender geworden ist. Und das, obwohl ich null der Typ für Aufgeben war.

    2014, ich stand grad vor der Küste Somalias auf einem Riesenschiff und bewachte die Crew vor den Piraten, kam es dann unausweichlich zu mir. Es war keine Erleuchtung, es waren keine Trompeten, es war eine unglaubliche Leere. So eine, die mir wirklich den Arsch auf Grundeis setzte. Auch weil ich mit all meinen cleveren Strategien merkte, dafür nix im Werkzeugkoffer zu haben. Shit. Jetzt habe ich wirklich Angst, dachte ich mir. Und zum ersten Mal fühlte sich diese Angst ehrlich an. Das ist meine Chance, ich spürte es. Einen Energetiker, eine indianische Schamanin, einen Psychologe und zig Ausbildungen später erst habe ich verstanden, wie extrem richtig ich mit diesem Gedanken war. Und dabei wären die Zeichen schon viel früher direkt vor mit gewesen.

    Lesen Sie den ganzen Artikel im ENGELmagazin März/ April 2022.


    Mehr Informationen über Christian Holzknecht:

    www.christianholzknecht.com
    www.lichtkrieger-mentoring.com

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