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    Der Wald und du

    Ich blicke aus dem Fenster, sehe das Grün der Wiesen und Bäume. Und ich beschließe: Heute gehe ich in den Wald. Etwas in mir sagt mir, dass ich dort finde, wonach ich suche.

    Vielleicht hole ich mir den dritten Cappuccino. Esse etwas Leckeres. Checke zum zwanzigsten Mal WhatsApp, Instagram, Twitter. Kurz was antworten. Ein Selfie machen. Verschicken. Nachrichten hören. Habe ich Likes bekommen? Den Tag verplanen. Alles gut? Nein, irgendetwas fehlt. Eine ungestillte Sehnsucht ist da noch, macht mich unruhig. Und plötzlich spüre ich: Diese Sehnsucht ist das Heimweh nach meinem Ursprung. Und ich weiß: Instagram und WhatsApp sind meine Heimat nicht. Ich blicke aus dem Fenster, sehe das Grün der Wiesen und Bäume. Und ich beschließe: Heute gehe ich in den Wald. Etwas in mir sagt mir, dass ich dort finde, wonach ich suche. Ich werde meine Instagram-Welt zu Hause lassen, in den Wald nichts mitnehmen außer mich selbst. Damit mich nichts dabei stört, mich selbst zu finden. Und ich lade euch alle ein: Geht mit mir! Lasst uns gemeinsam in die Atmosphäre des Waldes eintauchen und mit unserem ganzen Wesen darin atmen, darin baden. Knüpfen wir Beziehungen zu Bäumen und schenken wir dem Wald etwas zurück für seine Wohltaten. Verbinden wir uns genussvoll und bewusst mit unserer uralten Heimat, das tut uns so gut!

    Machen wir zuerst einen kleinen Exkurs in die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu. Seit Kurzem wissen wir, dass die Bäume sich nachweislich miteinander austauschen – und sogar mit uns kommunizieren! Während die Bäume untereinander vor allem über Stoffe, die im Boden von Pilzen weitergeleitet werden, im Austausch sind, was wir uns ähnlich wie bei einem Internetsys­tem vorstellen können, interagieren sie zusätzlich miteinander und auch mit uns durch Duftstoffe, die sie aussenden: die Terpene. Davon gibt es mehrere tausend unterschiedliche, vor allem in Nadelwäldern.
    Die Dosis ist dabei so fein, dass wir sie kaum bewusst riechen können, doch die Mediziner haben nachgewiesen, dass diese Duftstoffe der Bäume unser Immunsystem und die Neurotransmitter im menschlichen Körper stimulieren. Über die Botenstoffe im Boden und auch über die Terpene in der Luft teilen die Bäume einander ihre Erfahrungen mit und warnen beispielsweise vor Gefahren, vor Angreifern oder Schädlingen. Daraufhin fahren die Bäume und Pflanzen bei Bedrohungen ihr Immunsystem hoch, um sich zu schützen. Inzwischen sind schon rund 40.000 dieser „Pflanzenvokabeln“ dechiffriert worden. Auch wir Menschen empfangen diese Signale unbewusst, wenn wir durch den Wald gehen, und unser Immunsystem reagiert darauf, indem es aktiv wird. Das haben Forscher der Nippon Medical School in Tokio herausgefunden. Aus Japan stammen überhaupt seit den frühen 1980er-Jahren die ersten Erkenntnisse zum „Waldbaden“, typischerweise aus dem Land des Zen. Dort heißt das Waldbaden „Shinrin-Yoku“.

    Die heilsame Wirkung des Waldbadens ist in Japan inzwischen wissenschaftlich gründlich erforscht, seit 2012 existiert dort ein universitärer Forschungszweig namens Forest Medicine – „Waldmedizin“. Dabei handelt es sich um Studien und Dokumentationen zur realen Heilkraft des Waldes. Mediziner haben herausgefunden, dass vor allem typische Zivilisationskrankheiten wie hoher Blutdruck, Diabetes und Stresssymptome wie Nervosität, Reizbarkeit oder Schlafstörungen durch ausgiebiges Waldbaden gelindert und sogar geheilt werden können. Der Biometeorologe Professor Kamiyama hatte sogar bereits 1980 als einer der ersten die gesundheitlichen Wirkungen des Waldbadens untersucht und dokumentiert. Dabei fiel den Forschern zunächst auf, dass die Herzfrequenz und die Blutdruckwerte nach kurzer Zeit im Wald deutlich nachweisbar absinken. Auch wird Cholesterin verstärkt abgebaut.

    Es ist eine beglückende Liebe

    Erst in achtsamer, stiller Verfassung gelangen wir in Einklang mit dem Echten und Ursprünglichen, mit der Wildnis der grünen Natur. In diesem Einklang finden wir inneren Frieden, wir fühlen uns auch seelisch genährt und gesättigt. Es ist einfach herrlich, bewusst einzutauchen in die wunderbare Natur des Waldes, in der Waldluft und ihren Düften zu  baden, die Bäume, Farne und Moose zu genießen. Die natürliche Frische des Waldes einzuatmen und in jede Zelle des Körpers aufzunehmen, das ist „Waldbaden“. Wir erleben Heilung, finden inneres Gleichgewicht und tiefe Zufriedenheit in unserer Urheimat, dem Wald.
    Die feuchte und kühle Atmosphäre erfrischt uns, Stresshormone verlieren sich und all unsere Sinne werden verwöhnt. Die friedliche Stille tut uns gut, Vogelzwitschern erfreut uns. Tau oder Regentropfen auf den Blättern und Moosen schenken uns glitzernde Schönheit. Die Augen trinken das heilende Grün in allen Schattierungen und die goldenen Sonnenstrahlen, die zwischen den Bäumen hindurchscheinen. Wir riechen das Moos, den Waldboden, das Harz, die Nadelbäume. Wenn wir den Wald mit allen Sinnen trinken, schmecken, einatmen, genießen und uns davon faszinieren lassen, erleben wir eine Freude wie in unseren frühen Kindheitstagen. Eine Freude, die der Tiefe unseres Herzens entspringt. Eine Freude des Nachhause-Kommens, der Geborgenheit und der Heimat. Waldbaden ist nicht nur Erholung und Erste Hilfe bei Stress. Echtes Waldbaden ist eine Liebesbeziehung, die wir mit der Natur, dem Grün und den Bäumen eingehen. Dankbar und innig öffnen wir das Herz für das Grün unserer Mutter Natur. In dieser Liebesbeziehung schenken wir Liebe und empfangen echte ursprüngliche Herznahrung. Verlieben wir uns gemeinsam in die Natur, in den Wald. Diese Liebe ist einfach, schön und beglückend.

    Den ganzen Beitrag lesen Sie im ENGELmagazin Juli/ August 2020

    Gabriele Rossbach ist ausgebildete Pädagogin, Meditationslehrerin, Entspannungstherapeutin und Autorin. Nach ihrem Studium erfolgte die Grundausbildung in Autogenem Training und Psychosomatik, darauf bildete sie sich im Bereich Yoga, Tiefenentspannung, Atemtherapie fort und erlernte außerdem körpertherapeutische und meditative Methoden. Sie lebt mit ihrer Familie in Aachen und leitet seit 1990 Seminare in den Bereichen Meditation, Psychosomatik und Stressbewältigung. Ihre lehrenden und therapeutischen Erfahrungen veröffentlichte sie erstmals 1993 in ihrem Buch „Visuelle Meditationen“ zu meditativen Entspannungsmethoden. Neuer Themenschwerpunkt ihrer Yoga- und Meditationspraxis ist die bewusste und liebevolle Verbindung mit der Natur. Vitalisierende Yoga-Atmung im Wald gehört ebenso dazu wie zutiefst heilsame Baum-Meditationen und belebendes Yoga im Grün des Waldes.

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