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    Doris Iding: Erleuchtet in drei Atemzügen

    Die Autorin und Seminarleiterin Doris Iding stellt sich und unseren Lesern vor folgende Situation: Kennen Sie auch diese Erfahrung? Sie stehen zum Beispiel am Strand, schauen in die untergehende Sonne in der Ferne und ein Gefühl von tiefen Glückseligkeit durchströmt Sie. Und Sie erkennen, dass alles gut ist, so wie es ist.

    Solche Momente „erleuchten“ unser Bewusstsein und lassen das Herz strahlen. Sie machen uns deutlich, dass es noch mehr gibt als unser ICH, das sich permanent getrennt fühlt, Sehnsucht nach einem DU hat oder andauernd irgendetwas im Außen braucht, um sich ganz oder glücklich zu fühlen.

    Tatsächlich braucht es manchmal nicht mehr als drei Atemzüge, um über dieses ICH hinauszugelangen, um einen kurzen oder längeren Wechsel der Perspektive vorzunehmen, um in den gegenwärtigen Moment katapultiert zu werden. Dort löst sich das lineare Zeit-Raum-Erleben auf. Durch drei achtsame Atemzüge. Dort erleben Sie, dass Sie von Ihrem Herzen und Ihrem Sein, dem reinen Gewahrsein, nicht getrennt sind. Drei tiefe Atemzüge. Drei beseelte Atemzüge. Drei absichtslose Atemzüge. Danach wird sich Ihr ICH wieder in den Vordergrund Ihrer Wahrnehmung drängen. Dieses ICH, welches uns so gerne das Gefühl vermittelt, dass nur real ist, was wir mit dem Verstand und über die Sinne wahrnehmen. Mit all seinen Vorstellungen, Meinungen und Konzepten überdeckt dieses ICH unser transpersonales Bewusstsein. Damit gemeint ist ein Bewusstsein, das über das persönliche Erleben hinausgeht und das WIR und alles, was für das Auge nicht sichtbar ist, einschließt, und unser reines Gewahrsein, jener Bewusstseinsbereich, der auch als nonduales Bewusstsein beschrieben wird. Hier gibt es kein ICH und kein DU mehr.

    Bewusste Momente solch eines Erwachens können sich für mich bereits darin äußern, dass wir aus unserem ferngesteuerten Leben aussteigen, den „Autopiloten“ ausschalten, uns unseres Selbst, unserer Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen immer bewusster werden und uns immer weniger damit identifizieren. Drei achtsam ausgeführte Atemzüge können uns unterstützen, uns Schritt für Schritt aus unbewussten Verhaltensmustern, Gewohnheiten, Verstrickungen und veralteten Vorstellungen zu befreien. So können uns drei achtsame Atemzüge plötzlich bewusst werden lassen, dass es sich nicht lohnt, sich mit dem Partner über die offene Zahnpastatube zu streiten, die Schwiegermutter auch nur ein Mensch ist, es nicht immer die Malediven sein müssen oder wir nicht wirklich ein zwanzigstes Paar Schuhe brauchen. Das mag zwar etwas trivial klingen, aber wenn sich viele solcher kleinen Erkenntnisse aneinanderreihen, wird das Leben leichter und der innere Frieden tiefer. Natürlich gibt es auch tiefe und alles umwälzende Erkenntnisse wie die Einsicht, dass es so etwas wie ein ICH gar nicht gibt oder dass es keinen Tod gibt, sich alles ständig wandelt und das ganze Universum in einem einzigen Regentropfen vorhanden ist.

    In den letzten zehn Jahren hat sich aber auch die Art und Weise, wie buddhistische Lamas und Mönche ihre Lehre im Westen vermitteln, sehr verändert. Früher erläuterten sie Texte wie das buddhistische Herzsutra, eine der zentralen Schriften aus dem Mahayana-Buddhismus. Allerdings stellten sich solche Inhalte für viele Westler als zu abstrakt heraus, sodass ihre Lehrvorträge sich mittlerweile nicht mehr auf solch komplexe Schriften beziehen. Im Fokus steht heute vielmehr die Anwendbarkeit der inneren Erfahrungen auf unser tägliches Leben mit seinen Aufgaben und Pflichten, die auch nach einer Erleuchtungserfahrung noch da sind. Buddhistische Lehrer wie Jack Kornfield, Sylvia Wetzel, Sharon Salzberg und Pema Chödrön haben hier Pionierarbeit geleistet. Sie sind stetig bemüht, den Buddhismus für Menschen aus dem Westen verständlich zu machen, damit er uns unterstützt, einen erleuchteten Alltag zu führen.

    Schließen Sie die folgende Übung „Ich bin“ an Ihre tägliche Meditation an und beobachten Sie offen und wertfrei, welche Antworten Sie im Verlauf der Tage und Wochen erhalten.

    Übung: Ich bin 
    Sitzen Sie aufrecht. Wenn es Ihnen möglich ist, schließen Sie die Augen und kommen Sie in Ihrem Körper an, indem Sie ihn von innen wahrnehmen.
    Wenn Sie das Gefühl haben, „angekommen“ zu sein, dann sagen Sie sich innerlich, wenn Sie eine Frau sind:
    „Ich bin eine Frau.“ Wenn Sie ein Mann sind, sagen Sie sich: „Ich bin ein Mann.“
    Nehmen Sie wahr, was dieser Satz körperlich, emotional und mental in Ihnen auslöst.
    Denken Sie als Nächstes an etwas, das Sie im positiven Sinne auszeichnet, wie zum Beispiel Zuverlässigkeit, Ruhe, Gelassenheit, Humor, Treue, Freundlichkeit, Achtsamkeit
    oder Souveränität.
    Sagen Sie sich innerlich: „Ich bin zuverlässig.“
    Achten Sie auch hier darauf, was dieser Satz körperlich und mental in Ihnen auslöst.
    Überlegen Sie sich nun eine Eigenschaft, die Ihnen das Leben hier und da schwer macht. Vielleicht sind Sie cholerisch, unzuverlässig, neidisch, eifersüchtig, fahrig oder stur.
    Sagen Sie sich innerlich: „Ich bin eifersüchtig.“
    Nehmen Sie wahr, was diese Aussage in Ihnen auslöst.
    Sagen Sie sich nun innerlich: „Ich bin.“ Sie können diese Aussage auch mit der Atmung verbinden. Einatmend denken Sie „Ich“ und ausatmend denken Sie „bin“.
    Nehmen Sie wahr, was passiert, wenn Sie diesen Satz innerlich ohne jegliche Zuschreibung sagen oder laut aussprechen.
    PS.: Setzen Sie sich nicht unter spirituellen Leistungsdruck, erwachen darf Spaß machen! Sie müssen nichts Grandioses in Ihren Übungen erfahren oder sensationelle Erkenntnisse in Ihr Tagebuch schreiben. Bleiben Sie locker und entspannen Sie sich.

    Lesen Sie den ganzen Artikel im ENGELmagazin März/ April 2022.

    Doris Iding beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit bewusstseinsverändernden Techniken und spirituellen Praktiken. Sie studierte Ethnologie, Religionswissenschaften, Psychologie und Japanologie. Ihr besonderes Interesse liegt bei der Integration bewusstseinsverändernder asiatischer Meditationstechniken und Heilmethoden für Menschen im Westen. 17 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt. Seit vielen Jahren ist Doris Iding weltweit auch als Retreat- und Seminarleiterin tätig. Weitere Informationen unter: www.doris-iding.de und: vomglueckderkleinendinge.blogspot.com
    Aktuelles Buch im Irisiana Verlag: „Erleuchtet in drei Atemzügen. Mit Achtsamkeit und Meditation im Jetzt ankommen“. Erhältlich auch unter: www.mondhaus-shop.de

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