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    Haemin Sunim: In der Stille findet das Glück dich leichter

    Bist du schon einmal alleine und still durch einen Wald mit vielen Bäumen gelaufen? Ich meine, ob du schon einmal die beschauliche Zeit erlebt hast, das ruhig dahinfließende Wasser eines Baches zu betrachten und auch einmal die Hände hinein zu tauchen oder deine Aufmerksamkeit vollständig dem Zwitschern der Vögel zu widmen?

    Hast du schon einmal gespürt, wie du vollständig im Hier und Jetzt bist, während du das Handy kurz ausschaltest, den blauen Himmel über den Bäumen betrachtest, dem Wind lauschst, der die Blätter zum Rauschen bringt, und du auch auf deine Schritte auf dem Laub und den Klang deines eigenen Herzens horchst? Ich meine, ob du schon einmal die beschauliche Zeit erlebt hast, das ruhig dahinfließende Wasser eines Baches zu betrachten und einmal die Hände hinein zu tauchen oder deine Aufmerksamkeit vollständig dem Zwitschern der Vögel zu widmen, das um dich herum erklingt?

    Wenn du langsam und gelassen gehst, wirst du spüren, dass dein Geist stiller und stiller wird und du unerwartet zu deinem ursprünglichen Zustand zurückkehrst. Das ist ein Moment, der sich so anfühlt, als wolle man ein Klavier neu stimmen. Weswegen ist alles so schwer und bist du niedergeschlagen? Der Lärm der Werbung, die uns überall verfolgt und uns laut und pausenlos anschreit, dass wir ihr zuhören sollen; das Getöse der Nachrichten über Unfälle und Verbrechen, die sich ohne Unterlass ereignen; das Hupen von Fahrzeugen, das hier und da ertönt; der Krach von Baustellen, an denen gehämmert oder abgerissen wird; das Gebrüll der Menschen, die uns zu ihrem Glauben zwingen wollen. All das hören wir. Währenddessen klingelt das Handy, das wir Tag und Nacht und überall in unserer Hand halten, und empfängt Nachrichten. Die moderne Gesellschaft scheint unserer Seele keinen Augenblick zu gönnen, sich in der Stille auszuruhen. Das alles sind die Gründe, warum wir verschiedene psychische Probleme haben, von denen eines die Selbstentfremdung ist. In unserem hektischen Leben wissen wir daher oft nicht, wer wir sind und was wir uns wirklich wünschen.
    Unsere Aufmerksamkeit ist hauptsächlich nach außen gerichtet, und weil wir allein dadurch schon ausgelastet sind, haben wir keine ruhige Minute, um innezuhalten und nachzusinnen, wie es uns gerade geht, was für ein Leben wir führen möchten und an welchen Werten wir uns orientieren wollen. Weil wir nicht viel Zeit für Selbstbegegnung haben, während wir uns auf die eine oder andere Weise ununterbrochen mit anderen Menschen treffen.
    Je intensiver diese Selbstentfremdung wird, desto wahrscheinlicher wird es leider, dass wir nicht mehr unsere eigenen Kriterien für das Leben finden oder definieren können. Tritt dieser Zustand ein, orientieren wir uns gezwungenermaßen an den Kriterien der anderen und an denen der Gesellschaft, die uns vorzuschreiben versuchen, was gut ist und wonach wir ein Bedürfnis haben sollen. Daraus folgend laufen wir schließlich nur den anderen nach und geraten in harten Konkurrenzkampf; wir werden dabei verletzt, sind frustriert und deprimiert. Wir sind allein damit überlastet, die zahllosen Forderungen anderer zu erfüllen, haben nicht den Mut, ein Leben zu führen, das wir für richtig halten, was andere auch dazu sagen mögen; wir haben keine Kraft, die Oberhand in unserem Leben zu bekommen. Wie fühlst du dich damit? Fällt dir dein Leben schwer?
    Nein, ich kann das nicht.
    Vor ein paar Tagen habe ich zufällig das Gedicht „Der Mut“ von Gyu-Gyeong Lee kennengelernt. Während ich jenes Gedicht hörte, war ich unerwartet gerührt, und eine alte Erinnerung kam in mir hoch. Zum Titel passend beginnt das Gedicht mit der Zeile „Selbstverständlich kannst du das“.
    Der Mut Selbstverständlich kannst du das, sagten die Leute. Fasse Mut, sagten die Leute. Deswegen fasste ich Mut. Ich fasste Mut und sagte: Nein, ich kann das nicht.
    Dieses Gedicht endet gekonnt mit einem Stich in unsere Schwachstelle: „Nein, ich kann das nicht.“ Man rechnet natürlich mit einer tugendhaften Zeile, die dem Zeitalter der Industrialisierung entspricht, beispielsweise: „Selbstverständlich will ich mir Mühe geben und Mut fassen, dann schaffe ich das auf jeden Fall.“ Stattdessen bekommen wir ein ehrliches, offenes und privates Geständnis zu hören. Mir scheint, dass der Dichter uns mit diesem Gedicht sagen wollte, Mut bedeutet nicht nur, dass man unter entsetzlichen Mühen auf jeden Fall Erfolg habe. Nein, Mut bedeutet manchmal auch, dass man sagt, etwas nicht zu können. Nein, ich kann das nicht, ich bin nicht in der Lage, das zu schaffen, dieser Weg scheint nicht der richtige für mich zu sein; das sagen zu können, sei auch Mut – und das ist sehr wahr.

    Warum wir einsam sind
    Wenn wir an Stille denken, kommt uns auch manchmal Einsamkeit in den Sinn. Und wir empfinden oft genug Einsamkeit, obwohl wir von Menschen umgeben sind. Zu Hause gibt es die Eltern oder den Ehepartner und die Kinder, oder wenn man nicht mit der Familie, sondern alleine lebt, hat man Arbeitskollegen, die man jeden Tag sieht, und auch Freunde und Bekannte, mit denen man über Kurznachrichten jeden Tag mehrere Dutzend Gespräche führt. Wir sind stets unter Menschen, dennoch sind wir häufig einsam. Bei den Menschen, die Geld, Macht oder Ruhm erlangen, sieht es auch nicht anders aus, wenn nicht sogar schlimmer, weil sie viel zu verlieren haben und sich deswegen nicht selten distanziert gegenüber Menschen geben, die sich ihnen nähern. Folglich sind auch diese Menschen einsam. Ich vermisse dich, auch wenn du bei mir bist, lautet ein Gedicht von Shiva Ryu, und genauso fühlen wir uns mit oder ohne Menschen einsam. Aber warum?  CARL ROGERS, der Gründer der Personenzentrierten Gesprächstherapie, begründet diese Einsamkeit damit, dass man sich nicht öffnen kann, aus Angst, von den anderen möglicherweise nicht aufgenommen zu werden, wenn man sich ihnen so zeigt, wie man wirklich ist. Wir möchten uns öffnen, wagen das aber nicht, weil wir nicht immer mit warmer Unterstützung durch andere rechnen können; weil es durchaus möglich ist, dass die Menschen unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten verurteilen, uns verletzen und das sogar anderen weitererzählen. Das bedeutet, dass wir eine Maske tragen, wenn wir mit jemandem zusammen sind, weil wir ihm nicht vertrauen können. Wir verstecken uns hinter Fassaden und Rollen und pflegen den Umgang mit Menschen in einem oberflächlichen, aber sicheren Rahmen, der in jeglicher Hinsicht gesellschaftskonform ist. Es liegt dann auf der Hand, dass bei einem solchen Umgang weder ein tiefes Gemeinschaftsgefühl noch eine innige Verbundenheit zu erwarten sind und in unserem Geist nur noch die Leere bestehen bleibt, wer uns auch begegnen mag. Menschen sind einsame Wesen. Das gilt umso treffender für denjenigen, der niemanden hat, bei dem er sein Herz ausschütten kann. Unternimmt ein Freund von dir in diesen Wintertagen vielleicht den Versuch, sich zu öffnen und mit dir zu reden, fälle bitte nicht leichtfertig ein Urteil über diesen Freund, sondern schenke ihm mit herzlicher Wärme Gehör. Wenn du die geschlossene Tür deines Herzens ein bisschen öffnest und deinem Freund erzählst, wie es dir wirklich geht, wird auch er seine Tür Stück für Stück öffnen, und deine Beziehung zu ihm kann sich nur noch zu einer engeren und tieferen entwickeln.

    Mein kleines, aber sicheres Glück
    Früher galt das Glück meistens als etwas, das in der fernen Zukunft eintritt, wenn man sein großes Ziel erreicht hat. Aber heute konzentriert man sich auf das kleine Glück, das man in seinem momentanen Leben leicht und vor allem sicher finden kann. Ich bin auch glücklich, wenn ich durch den Park spaziere. Hier ist für mich mein Platz zum Ausruhen. Dieser Park befindet sich in der Nähe meiner Unterkunft, und dort gibt es eine kleine Bank, die mich zum Entspannen einlädt. Ich setze mich kurz hin, bin umgeben von fünf Bäumen und lausche dem murmelnden Wasser eines kleinen Baches. Während ich die Bäume betrachte und das Zwitschern der Vögel höre, nimmt in meinem Geist herrlicher Frieden Platz. Insbesondere wenn ich innerlich aufgewühlt bin, gehe ich dort ein paar Schritte durch die beschauliche Natur, setze mich auf die Bank und meditiere kurz. Dann habe ich das Gefühl, mein Geist ist wieder auf seine Grundeinstellung zurückgesetzt, so wie ein Klavier neu gestimmt wird. Wieder hat mich in der Stille das Glück gefunden.
    Die innere Stille ist kein Zustand der Langeweile, in dem nichts existiert, sondern ein Moment, in dem alles allmählich klarer wird, je stiller es wird, und man schließlich seinem ureigenen Geist begegnet. Ich hoffe sehr, dass du innerlich still wirst, deine Weisheit klarer wird und du Gelassenheit und Ruhe findest, auf dich selbst zu blicken. Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin. Ein Zitat aus „Demian“ von Hermann Hesse.
    Dieser Satz lehrt uns, dass wir letztendlich unser Leben führen, um uns selber zu finden, völlig unabhängig davon, welche Form unser Leben jetzt auch haben mag.

    Haemin Sunim, geboren in Korea, ging in die USA, um Film zu studieren, nur um zu erkennen, dass er sein Leben dem Buddhismus und einem spirituellen Leben widmen möchte. Er kehrte nach Korea zurück, wurde Mönch und einer der meistgelesenen spirituellen Autoren. Sein Buch „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“ verkaufte sich mehr als drei Millionen Mal, und er hat über eine Million Follower auf Twitter und Facebook. Wenn Haemin Sunim nicht auf Reisen ist, lebt er in Seoul. Das Buch „In der Stille findet dich das Glück leichter “ ist auch im Mondhaus-Shop erhältlich: https://www.mondhaus-shop.de

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