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    Pater Anselm Grün: Einsamkeit, die glücklich macht

    Ja, es sind herausfordernde Zeiten. Und nun schon so lange. Und wie lange noch? Menschen fühlen sich eingeschlossen, sehen sich gewohnter Freiheiten beraubt und fürchten um ihre Freiheit schlechthin. Der Verlust der Lebensfreude droht und die Frage ist: Wie kann in solchen Zeiten ein Leben gelingen, das seinen Namen verdient?

    Pater Anselm Grün antwortet. Und seine Antworten erstaunen. Wer hätte gedacht, dass Einsamkeit auch unbetrübt und glücklich machen kann? Ja, auch in diesen herausfordernden Zeiten kann das Leben lebenswert sein. Wenn man gelernt hat, sich selbst auszuhalten. Wenn man mit sich und anderen in Frieden lebt, wenn man seinen Selbstwert auf die richtige Weise zu schätzen weiß und wenn man den Mut findet, sich trotz allem etwas zu gönnen. Pater Anselm Grün sagt, warum das so ist. Punkt für Punkt.

    1. Einsamkeit: Sie ist der Schlüssel zu tieferer Erkenntnis.
    Alleinsein und Einsamkeit gehören grundsätzlich zu jedem Menschen. Hermann Hesse hat das in seinen berühmten Versen zum Ausdruck gebracht: „Leben ist Einsamsein. /
    Kein Mensch kennt den andern, / Jeder ist allein.“
    Es gehört zum Wesen des Menschen, dass es Bereiche in ihm gibt, zu denen niemand Zutritt hat. Der Philosoph Odo Marquard spricht von der Einsamkeitsfähigkeit, die ein reifer Mensch besitzen sollte: „Die eigentliche Malaise unserer Zeit ist nicht die Einsamkeit selber, sondern der Mangel an Einsamkeitsfähigkeit. Entscheidend wichtig ist darum die Kultur der Einsamkeitsfähigkeit.“ Wer allein sein kann, der geht den Weg nach innen. Aber zugleich kann er offen werden für Transzendenz. Das hat auch der Philosoph Friedrich Nietzsche so gesehen, wenn er schreibt. „Wer die letzte Einsamkeit kennt, kennt die letzten Dinge.“ Einsamkeit ist so der Schlüssel zu tieferer Erkenntnis, letztlich auch zur Erkenntnis Gottes. In der Einsamkeit kann ich spüren, dass ich letztlich nicht allein bin, sondern dass ich umgeben bin von Gottes liebender Gegenwart.
    Der Psychologe Peter Schellenbaum meint, die Kunst, in guter Weise allein sein zu können, bestehe darin, das Allein-sein in ein All-eins-Sein zu verwandeln. Wenn ich allein bin, spüre ich manchmal eine Traurigkeit. Aber dann geht es darum, durch diese Traurigkeit hindurchzugehen in den Grund meiner Seele. Und dort kann ich erahnen, dass ich eins bin mit allen Menschen, gerade auch mit all den einsamen und vereinsamten Menschen. Und auf dem Grund der Seele bin ich eins mit der ganzen Schöpfung. Dann fühle ich mich als Teil der Schöpfung. Ich fühle mich zugehörig, nicht allein gelassen. Das Ziel dieser Erfahrung ist, mich eins zu fühlen mit mir selbst und eins zu sein mit Gott. Dann wird das Alleinsein zu einer spirituellen und beglückenden Erfahrung. Der große Mystiker Meister Eckhart hat das so gesagt: „Wer unbetrübt und heiter sein will, der muss eines besitzen, die Einsamkeit des Herzens.“
    Auch die frühen Mönche im 4. Jahrhundert haben das, was Schellenbaum psychologisch beschreibt, auf ähnliche Weise erfahren. Die Mönche haben ja ihren Namen von dem griechischen Wort „monachos“, das „allein lebend“ bedeutet. Manche leiten das Wort auch von „monas“ = „Einheit“ her. Also ist der Mönch jemand, der mit sich selbst eins ist.
    Mönche wussten von der Einsamkeit, die glücklich macht.
    2. Wahrhaftigkeit: Wir müssen lernen, uns selbst auszuhalten.
    Die Quarantäne, die wir in den Zeiten der sozialen Einschränkungen durch die Pandemie erlebten, hat viele von uns gezwungen, sich selbst einmal auszuhalten. So ist es notwendig, dass wir unserer eigenen Wahrheit begegnen und lernen, uns selber auszuhalten mit allem, was in uns auftaucht an Emotionen, Bedürfnissen und Leidenschaften.
    Wir können diese Wahrheit aber nur aushalten, wenn wir sie nicht bewerten, sondern vertrauen: Alles darf sein. Mit alle, was da in uns auftaucht, sind wir von Gott bedingungslos angenommen. Damit gewinnt auch das Jesus-Wort eine neue Bedeutung: „Die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh. 8,32). Wer seiner Wahrheit aus dem Weg geht, der steht unter dem Zwang, der Stille auszuweichen. Er kann sich selbst nicht aushalten. Aber das wird anstrengend, wenn ich ständig vor mir selbst davonlaufen muss. Wenn ich meine eigene Wahrheit annehmen kann, dann fühle ich mich frei. Dann stehe ich auch nicht unter Druck, dem anderen etwas vormachen zu müssen. Ich bin auch wahrhaftig dem anderen gegenüber.
    Wahrhaftig ist der, an dem die Wahrheit haftet, der gleichsam mit der Wahrheit zusammengewachsen ist. Er kann gar nicht anders, als wahr zu sein, sich selbst und anderen gegenüber. Er zeigt sich dem anderen so, wie er ist. Allerdings bedeutet wahrhaftig sein nicht, dass ich jedem, dem ich begegne, meine ganze Wahrheit zeige. Die Wahrheit braucht auch Schutz, vor allem Schutz vor Menschen, die meine Wahrheit benutzen möchten, meine Schwächen in die Öffentlichkeit zu zerren. In einer guten Begegnung kann ich wahrhaftig sein. Bei Menschen, die darauf aus sind, neugierig die Schwächen anderer zu verbreiten, darf ich mich auch schützen. Wahrhaftig sein heißt: dass ich nicht lüge, dass ich nichts Falsches zeige. Aber ich muss nicht immer meine ganze Wahrheit zeigen.
    3.  Versöhntsein: Mit sich und anderen in Frieden leben.
    Versöhntsein ist eine wichtige Qualität guten Lebens. Es bedeutet aber nicht nur, in Frieden mit anderen zu leben, sondern auch mit sich selber. Auch das ist eine fortwährende Aufgabe: Konflikte berühren uns, wir erleiden Verletzungen oder sind in Gefahr, andere zu verletzen, und all das hat Auswirkungen auf uns. Je mehr wir mit uns selbst versöhnt sind, desto mehr dürfen wir hoffen, dass auch die Versöhnung mit anderen Menschen möglich wird.
    Wenn wir all diese Bedeutungen im Hinblick auf das Thema „Versöhnung mit sich selbst und mit anderen“ bedenken, dann heißt Versöhnung mit mir selbst: Ich stelle die Einheit mit mir selbst wieder her. Die Versöhnung geht von einem Zustand aus, bei dem in mir etwas getrennt ist, bei dem es in mir einen Spalt gibt. Ich habe etwas abgespalten. Ich habe das abgespalten, was ich nicht gerne anschauen möchte, weil es mir unangenehm ist. Das kann eine nicht so glückliche Kindheit sein. Das können alte Verletzungen sein. Versöhnen bedeutet dann, dass ich all das anschaue und gleichsam umarme. Es gehört auch zu mir. Ich nehme es in die Einheit mit mir hinein. Das führt dann – so wie es die lateinische Bedeutung meint – zur inneren Gesundheit. Oder wenn ich auf das griechische Wort schaue, dann stelle ich mir vor: Ich vertausche den Zustand der Zerrissenheit mit dem Zustand des Einsseins. Dadurch verbessere ich meinen inneren Zustand. Und ich tausche die Feindschaft mit mir selbst aus gegen die Freundschaft mit allem, was in mir ist. Ich gehe freundlich mit mir um.
    Zur Versöhnung mit mir selbst gehört auch, dass ich mich innerlich damit versöhne, dass ich von anderen verletzt worden bin. Das heißt noch nicht, dass ich mit denen versöhnt bin, die mich verletzt haben. Ich bin nur mit meinem eigenen Schicksal versöhnt. Wie die Beziehung zu anderen aussieht, ist ein anderes Thema, das sicher nicht immer leicht
    zu lösen ist.
    Versöhnung mit mir selbst bezieht sich auf viele Bereiche meines Lebens. Da geht es einmal darum, mich mit meiner Lebensgeschichte auszusöhnen. Viele Menschen sind voller Bitterkeit, weil ihre Lebensgeschichte nicht so gelaufen ist, wie sie sich das gewünscht hätten. Doch die Vergangenheit kann ich nicht ändern. Ich kann dagegen rebellieren. Wenn es mir aber gelingt, mich damit anzufreunden, wird sich die Vergangenheit für mich verwandeln. Sie ist dann nicht mehr die dunkle Zeit, an die ich nicht mehr denken möchte, sondern sie wird meine eigene Zeit. Ich kann dann dankbar dafür sein, dass ich auch die schwierigen Situationen durchgestanden habe und jetzt der oder die geworden bin, der oder die ich jetzt bin.
    4. Selbstwert: Den eigenen Wert erleben, nicht andere bewerten.
    Meine Beobachtung in der Begleitung vieler Menschen in Lebenskrisen ist: Es gibt Menschen, die ständig andere entwerten müssen. Ich erlebe das oft bei Menschen, die wenig Selbstwertgefühl haben. Und immer wieder erlebe ich auch: Wer um seinen Wert weiß, kann auch dankbar annehmen, was andere ihm geben, und profitiert davon. Den eigenen Wert zu erleben heißt nicht, sich über andere zu stellen. Ich achte meine eigene Würde. Ich weiß um meine Fehler und Schwächen. Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich eine unantastbare Würde habe. Ich vergleiche mich nicht mit anderen. Ich muss meinen Wert auch nicht ständig betonen. Ich ruhe in mir und bin im Einklang mit mir.
    Wenn ich aber Zweifel an meinem eigenen Wert habe, wenn ich mich selber immer entwerte, dann werde ich auch den Wert anderer Menschen nicht achten. Ich versuche dann irgendwelche Fehler und Schwächen beim anderen herauszufinden, um ihn entwerten zu können. Dann erzähle ich anderen Menschen davon, dass dieser Mann oder diese Frau nur eine starke Fassade habe. Dahinter sei aber viel Unsicherheit. Oder ich erfinde irgendwelche Geschichten, die den anderen in einem schlechten Licht erscheinen lassen. Wenn ich aber gegen seine starke Persönlichkeit nicht ankomme, dann versuche ich, gegen ihn zu kämpfen. Ich zettle irgendwelche Intrigen an.
    Oder ich erzähle ständig etwas Negatives über ihn. Statt mich über den Wert dieses Menschen zu freuen, muss ich ihn abwerten, damit ich mich über ihn stellen kann. Wenn ich mich jedoch über den Wert des anderen freuen kann, dann habe ich teil an seinem inneren Reichtum. Dann bin ich dankbar, dass ich diesen wertvollen Menschen kenne. Ich lerne von ihm. Ich werde von ihm beschenkt. Ich weiß um meinen Wert und um den Wert des anderen. Ich vergleiche uns nicht, sondern ich habe Anteil am anderen. Das bereichert mich und schafft mir innere Ruhe. Das Entwerten macht unruhig und ängstlich. Denn ich lebe dann ständig in der Angst, dass der andere doch stärker und wertvoller ist als ich selbst.
    5. Trotz allem: Sich etwas gönnen
    Gerade in schwierigen Zeiten sollten wir uns nicht vernachlässigen, sondern uns auch etwas gönnen. Das hat schon Bernhard von Clairvaux so gesehen in seinem berühmten Brief an Papst Eugen, der sich vor lauter Sorgen um die Geschäfte der Kirche aufrieb und in Gefahr stand, bitter zu werden. Bernhard schreibt: „Bist du etwa dir selbst ein Fremder? Und bist du nicht jedem, fremd, wenn du dir selber fremd bist?“ Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: „Tue das immer.“ Ich sage nicht: „Tue das oft.“ Aber ich sage: „Tue es immer wieder einmal.“ Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen. Es geht nicht darum, jetzt nur noch für sich selbst zu sorgen. Aber wenn wir die Sorge für uns vernachlässigen, dann werden wir, wie Bernhard schreibt, in unserem Herzen hart.
    Wir spüren uns selbst nicht mehr. Und dann können wir auch den anderen nicht mehr spüren. So geht es immer um das rechte Gleichgewicht zwischen Sorge für sich selbst und Sorge für die anderen. Wir sollten es uns gönnen, gut mit uns selber umzugehen. Und warum sollte man sich nicht auch einmal etwas gönnen, was zwar nicht nützlich ist und keinen rein rationalen Zwecken dient, aber einfach der eigenen Schönheit und dem eigenen Wohlbefinden guttut?
    Zudem gilt ganz allgemein: Wer gönnend ist, mehrt nicht nur die Freude des anderen, sondern kann sich selber auch mitfreuen. Sich etwas gönnen bezieht sich aber auf ganz irdische Dinge. Ich gönne mir ein Eis, obwohl das vielleicht nicht so gesund ist. Oder beim Einkaufen gönne ich mir ein schönes Kleid oder einen guten Pullover. Askese ist gut. Es ist gut, wenn ich nicht jedes Bedürfnis sofort erfüllen muss, sondern mich auch von Bedürfnissen distanzieren kann. Aber wenn ich alle meine Bedürfnisse unterdrücke und immer ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich mir etwas gönne, dann bin ich in Gefahr, innerlich hart zu werden. Ich kenne Menschen, die sich keinen Honig gönnen. Sie denken sofort an die Armen in Afrika, die sich keinen Honig leisten können. Natürlich ist es gut, für die Armen in Afrika zu sorgen. Doch wenn die Sorge für andere zur Verneinung des eigenen Lebens wird, nehme ich nicht nur das Gute und Schöne nicht mehr wahr, sondern ich werde den anderen auch nicht wirklich helfen.
    Bei meinen Besuchen in Afrika habe ich erfahren, wie gerade die Armen oft fähiger sind als wir, sich etwas Schönes zu gönnen. Wer sich selbst nichts gönnt, der ist auch schnell dabei, andere zu verurteilen, wenn die sich etwas gönnen. Wenn ich in meinem Essen asketisch bin und auch auf meine Figur achte, dann kann es sein, dass ich den, der genussvoll isst und davon immer dicker wird, innerlich verachte und verurteile. Dann merkt man, dass meine Askese nicht nur aus Freiheit geschieht, sondern dass ich mich damit über die anderen stelle. Die Kunst besteht darin, sich das zu gönnen, was mir guttut, und zugleich auch auf die Bedürfnisse zu verzichten, die mich abhängig machen. Aber zugleich sollte ich bei aller Askese innerlich frei sein, dem anderen etwas zu gönnen. Das strahlt dann auch auf die Umgebung aus.
    Pater Anselm Grün, geb. 1945, Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, geistlicher Begleiter und Kursleiter in Meditation, Fasten, Kontemplation und tiefenpsychologischer Auslegung von Träumen. Seine Bücher zu Spiritualität und Lebenskunst sind weltweite
    Bestseller – in über 30 Sprachen. Sein einfachleben- Brief begeistert monatlich zahlreiche Leser (www.einfachlebenbrief.de)

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