Die Weisheit eines kleinen Philosophen. Bao Nakashima ist neun und denkt viel über das Leben nach.
Irgendwann beginnt er, seine Gedanken aufzuschreiben. Es sind die Fragen eines Jungen, der auf das Wesentliche schaut.

Mut ist das höchste der Gefühle
Sie ist einfach da, ganz selbstverständlich. Immer ist sie da. Wir brauchen sie, um zu leben. Aber ihr Vorhandensein ist so normal, dass sie uns selten zu Bewusstsein kommt. Manchmal erinnere ich mich daran und bin dankbar. Danke. Die Dinge, die zählen, sind dem Zuhause nah und dem Auge unsichtbar. Genauso wie ich mich selbst nicht sehen kann – denjenigen, der mir am wertvollsten ist.
Sehen kann ich nur die Widerspiegelung meiner selbst im Spiegel oder in den Augen von jemand anderem. Wir müssen es nur erkennen. Geboren zu werden, am Leben zu sein, atmen zu können, ist wunderbar. Dessen müssen wir uns nur bewusst werden. Dann werden wir merken, wie dumm es war, unsere Zeit zu vergeuden mit der Suche nach dem, was wir vermissten. Statt dauernd nach dem zu suchen, was uns fehlt, sollten wir stets dankbar sein für das, was wir haben. Ich habe Finger. Ich habe Beine. Meine Gelenke beugen sich. All das ist normal und doch überhaupt nicht normal. Unter all den Gefühlen, die ich empfinde, schätze ich eines am meisten: Mut.

Als ich lernte, dankbar zu sein
Als ich klein war, brachte meine Mutter mir bei, dankbar zu sein, wann immer sie mich badete. Haare, danke, dass ihr meinen Kopf schützt, rechte Hand, linke Hand, danke, dass ihr die Dinge haltet, die ich halten möchte. Rechter Fuß, linker Fuß, danke, dass ihr mich dorthin tragt, wohin ich gehen möchte. Herz, danke, dass du ununterbrochen arbeitest. Dank meinem Herzen bin ich lebendig, obwohl mir das meistens gar nicht bewusst ist. Es steht nie still, nicht für eine Sekunde. Sogar jetzt, wann immer ich ein Bad nehme und meinen Körper wasche, sage ich zu mir selbst stets „Danke“.

Wir können den eigenen Tod nicht verstehen
Was ist Sterben? Was geschieht, wenn ein geliebtes Wesen stirbt? Wir können nicht verstehen, was wir nie erfahren haben. Was wird mit mir geschehen? Sterben ist ein Geheimnis. Eine Erfahrung, über die man niemandem etwas erzählen kann. Es gibt Geschichten über das Leben nach dem Tod. Aber die einzige Tatsache ist, dass solche Geschichten erzählt werden von der Person, die sie erfahren hat. Wir können unseren eigenen Tod nicht verstehen.

Was ich nicht weiß
Es gibt so viele Dinge, die ich nicht weiß. Auf dieser Erde gibt es eine unendliche Anzahl von Dingen. Daher weiß ich nichts. Ich weiß nichts. Und weil ich nichts weiß, kann ich neue Dinge entdecken. Weil ich nichts weiß, arbeite ich mit anderen zusammen, damit jeder sein Leben leben kann. Nichts zu wissen ist das größte Gut. Nichts zu wissen, das bedeutet: zu wissen, zu entdecken. Nichts zu wissen. Das ist Glück.

Der Mut zu tun, was man mag
Wenn Leute mich fragen: „Was würdest du gerne sein?“, sage ich: „Ich möchte ich selbst sein.“ Auf diese Frage gibt es keine richtige Antwort, Weil jeder Mensch auf der Welt er selbst ist. Um in einer Welt zu leben, in der es keine richtige Antwort gibt, muss man den Mut haben, das zu tun, was man mag. Schätze deine Intuition. Sei ehrlich mit dir selbst. Habe den Mut, das zu tun, was du magst.

Das Glück des Lebens
Kürzlich lag meine Mama mit hohem Fieber im Bett. Es gab nichts, was ich für sie tun konnte, und das frustrierte mich. Ich wollte, dass sie wenigstens etwas isst, also stellte ich ein paar Cracker in ihre Reichweite. Aber sie aß nicht. Am zweiten Abend war ich wirklich besorgt. Dann stand sie auf, zerkleinerte einen Apfel und aß ihn. „Sie hat gegessen!!!“, dachte ich. Meine Mama tat genau das, was ich mir sehnlichst wünschte. Und ich war glücklich. Einfach maßlos glücklich. Jetzt weiß ich, was sie meint, wenn sie sagt: „Es genügt mir, dass du am Leben bist.“ Als ich heute Morgen aufstand, war ihr Fieber ein wenig gesunken. Seit sie krank wurde, habe ich sie nicht mehr lächeln sehen oder lachen. Ich bin glücklich. Jetzt weiß ich, warum. Dieses Jahr besteht mein Weihnachtsgeschenk in der Tatsache, dass meine Mama am Leben ist, dass sie lächelt. Es genügt, dass jemand, den ich liebe, am Leben ist und lächelt. Jetzt weiß ich es.

Du bist nie alleine
Als ich in die Grundschule kam, stand ich jeden Morgen auf, frühstückte und ging zur Schule. Ich spielte mit meinen Freunden. Ich kämpfte mit meinen Freunden. Ich hielt das alles für selbstverständlich. Als wir nach Tokio umzogen, wechselte ich in der dritten Klasse die Schule. Ich beschloss, nicht mehr dorthin zu gehen. Ab und zudachte ich an meine Freunde von meiner alten Schule. Ich fragte mich, wo sie waren und was sie gerade machten. Jedes Mal, wenn ich mich an sie erinnerte, fühlte ich mich einsam. Ich wollte wieder mit ihnen spielen. Doch irgendwann im Lauf der Zeit schloss ich diese Erinnerungen weg. Der Gedanke an meine alten Freunde weckte in mir nur das Gefühl der Einsamkeit. Ab und zu kamen die Erinnerungen hoch, und ich war derart traurig, wollte jeden so dringend sehen, dass ich weinte und sagte: „Ich bin einsam.“ Es stimmte mich traurig, dass wir uns vielleicht nie mehr begegnen. Doch obwohl ich sie nicht sehen kann, sind sie nah, in meinem Herzen, und rufen nach mir. Auch in weiter Ferne sind sie direkt hier, in meinem Herzen. Ich bin nicht allein. Ich werde geliebt. Es gibt Dinge, die ich nicht sehen kann, weil sie zu nah sind. Menschen, die nah sind, selbst wenn sie in weiter Ferne weilen. Ich bin nicht allein.

Bao Nakashima, geboren 2005 in Japan, wurde als Kind zu Hause unterrichtet. Die Entscheidung, die Schule zu verlassen, hatte er selbst getroffen, nachdem er nach einem Umzug in seiner neuen Schule gemobbt und angegriffen worden war. Infolgedessen
besuchte er Seminare von bekannten Autoren und Vortragsrednern und kam als 9-Jähriger auf die Idee, ein eigenes Buch zu schreiben. Seine tiefgründigen Gedanken und Tweets brachten ihm den Spitznamen „Der kleine Philosoph“ ein. Aktuelle Buchtitel im Allegria-Verlag „Vom Glück zu sein. Große Gedanken eines kleinen Philosophen“. Erhältlich auch unter: www.mondhaus-shop.de