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    Barbara Pachl-Eberhart: Vom Versuch diese unfassbare Zeit schreibend zu begreifen

    „Unfassbar.“ Ich glaube, es gibt kein Wort, das ich im letzten Jahr öfter gedacht habe als dieses. Ich will es genauer sagen: Müsste ich die Grundstimmung, in der ich die vielen letzten Monate verbracht habe, in einem einzigen Begriff zusammenfassen, so wäre „unfassbar“ das Wort, das am besten passt: zu diesem Schwebezustand.

    Zu den vielen Fragen ohne Antwort, zu dem Gefühl, dass das, was gerade geschieht, nur der Vorbote von etwas Größerem ist. Zur Unfähigkeit, auf das zurückzugreifen, was normalerweise immer half. Und auch zu der Trauer, dass das, was ich gerne verstehen würde, ja noch lang nicht zu Ende und damit auch noch nicht zu bewältigen ist.

    Unfassbar, das dachte ich an jenem Tag, nein: das fühle ich seit dem Moment, als ich, im März vergangenen Jahres, die SMS eines Freundes bekam. Sie kam mir kryptisch vor. Irgendwie außerirdisch, sie klang nach jenen Filmen, die ich mir nie im Kino anschauen will. Dass Wien morgen abgeriegelt werden sollte, stand da am Handy-Display. Dass man raus soll aus Wien, wenn es heute noch geht. Ich glaubte nichts davon, fand es lächerlich, irre – und stand doch eine Stunde später im Supermarkt, um Vorräte für drei Wochen zu kaufen.

    Woraus diese Vorräte bestanden und warum sie kaum dazu geeignet waren, eine dreiköpfige Familie mehr als zwei Tage bei Laune zu halten, steht in dem Buch, das neben mir auf dem Schreibtisch liegt: mein Corona-Tagebuch, aus der Zeit des ersten Lockdowns. Gedruckt, verlegt, wunderschön illustriert. Man kann darin blättern – und könnte dabei tatsächlich denken, dass die Geschichte, die es enthält, zu ihrem Ende gefunden hat. Denn das ist ja das Schöne an Büchern: Egal, wie verworren, verkorkst und verknotet die Handlung verläuft, man darf sich auf die Lösung am Ende freuen. In manchen Büchern steht es sogar als letztes Wort, mittig, nach einer Leerzeile. „Ende“. Auch mein Buch hat eine Leerzeile vor dem Schluss. Und da steht auch ein letztes Wort – beziehungsweise zwei: „Deine Mama“. Denn was ich am Ende meiner Lockdown-Erzählung geschrieben habe, ist ein Brief an meine kleine Tochter Erika. Er ist ein Versuch, das zu ordnen und zu deuten, was leider noch nicht zu Ende ist. Heute habe ich lange in meinem Buch geblättert.

    „Unfassbar“, habe ich wieder gedacht, als ich Stellen las, die ich schon fast vergessen hatte. Und „unfassbar“ dachte ich auch, als mir klar wurde, wie lange der erste Lockdown nun her ist und wie viel – und zugleich wie wenig – sich seither geändert hat. Das Team des Engelmagazins hat mir zwei Seiten Platz geschenkt, um das zu sagen, was ich über mein Buch, über meine Lockdown-Erlebnisse und über die Zeit, in der wir gerade leben, sagen will. Beim Blättern im Buch sind mir viele Ideen gekommen. Hängengeblieben bin ich allerdings am Schluss, der kein Ende ist: an dem Brief, der meinem Kind Hoffnung schenken sollte und heute, beim Lesen, mir selbst neue Hoffnung schenkt. Ich habe mich entscheiden, diesen Brief – nicht ganz, aber in großen Teilen – hier mit Ihnen zu teilen. Er hilft mir, das immer noch Unfassbare warm zu halten in meinem Herz. Und dem Leben, dieser Zeit und dem Lauf der Dinge nicht böse zu sein.

    Liebe Erika …
    „Es gab wohl, seit Du zur Welt gekommen bist, keine Zeit, in der wir die inneren Gesetze unseres Zusammenlebens, die Gesetze unserer Beziehung, die Gesetze unserer Grenzen, unserer Liebe und unserer Lebendigkeit so gewissenhaft erforschen und begreifen mussten als in den vier Wochen, die wir während des Corona-Lockdowns in unserem Landhaus verbrachten. Die erzwungene Klausur war Eremitage und Prüfung zugleich. (…)
    Und wenn ich auch dafür plädiere, alles aus dem Rucksack zu schmeißen, wofür wir gerne schon jetzt gute Noten bekämen, so möchte ich doch nicht mit leerem Gepäck in die nächsten Wochen und Monate gehen, egal, was sie uns bringen werden. Denn es gibt einiges, was ich gerne beibehalten würde und was seit unseren Coronaferien im Frühling ohnehin nicht mehr aus unserem Leben und aus meiner Seele wegzudenken ist. Und vieles, wofür ich von Herzen dankbar bin.

    Zum einen ist da die Erfahrung, dass es, wenn Dinge sich ändern, erst einmal ruckeln darf. Dass die Wehen, die einer Veränderung folgen, noch nicht die echten, tiefen Schmerzen sind, die es wirklich zu heilen gilt. Langeweile, Aufbegehren, Überforderung, Stress gehören zum Übergang. Es hat keinen Sinn, sich gleich zu Beginn Gedanken zu machen, warum alles so schwierig ist. Es ist immer schwierig, etwas ändern zu müssen. Es darf schwierig sein. Haltungsnoten gibt es hier nicht.

    Das zweite, was ich verstanden habe, ist, dass es eine Verbündete gibt, auf die immer Verlass ist, auch wenn wir nie begreifen werden, wie sie es anstellt, an uns zu wirken: die Zeit. Man sagt, sie heilt alle Wunden. Was mein bisheriges Leben angeht, empfinde ich das als wahr. Aber als ich in den Wochen dieses Frühlings Zeit hatte, die Zeit zu beobachten, habe ich noch andere Dinge bemerkt, die sie kann. Zum Beispiel: zaubern. Am liebsten über Nacht. Ich kann mich an keinen einzigen Morgen erinnern, an dem sich nicht irgendetwas verändert hatte. Irgendwas war, während ich schlief, immer geschehen. Fast immer etwas Gutes. Es hatte sich etwas sortiert, ich war, ohne nachzudenken, auf einen neuen Gedanken gekommen, ich hatte den Anlass vergessen, wegen dem es Streit gegeben hatte, ich fühlte plötzlich wieder Wärme zu einem Menschen, der mir am Vortag noch ganz fern gewesen war, ich konnte mir etwas vorstellen, das noch am Abend zuvor völlig unmöglich schien oder wusste endlich, was ich heute kochen könnte.

    Nicht immer hat die Zeit nur Gutes serviert. Manchmal zog sie sich so fest zusammen, dass sie mich in sich zerquetschte, manchmal zerfloss sie und entzog mir den Halt, manchmal schlug sie ein wie der Blitz, manchmal bestand sie aus Feuer und Flammen. Aber immer, immer war sie bereit, sich wieder zu ändern. Nie blieb sie stehen. Kein Tag war gleich wie ein anderer, keine Stunde so wie die zuvor. Wenn es am schlimmsten war, konnte ich immer denken: Warte eine Stunde, nur eine Stunde. Dann ist es schon wieder anders. Nicht immer besser. Aber anders. So viel schlechter, dass etwas klarer wurde. Anders schlecht, sodass das Problem von vorhin unwichtiger schien. Besser, weil das Wetter sich verändert hatte. Besser, weil wir gegessen hatten.

    Der Tag, an dem Dein Großonkel starb, hat mir noch etwas über die Zeit beigebracht. Etwas, das ich Dir eigentlich nicht sagen sollte, weil Du es, wenn es von außen kommt, fast nur belächeln kannst. Es klingt banal – und so logisch, dass man nur dazu nicken kann. Und gerade deshalb nicht wirklich hinhört. Du wirst es selbst, auf Deine Weise begreifen müssen. Ich, für mich, habe es am 30. März 2020 endlich verstanden: dass die Zeit etwas Kostbares ist. Dass jede Stunde, jede Minute einzigartig ist und niemals danach wiederkommen wird. Und dass das Leben aus nichts als aus diesen Minuten besteht, die wir, eine nach der anderen, erleben, erfahren und auskosten dürfen.

    Als wir am nächsten Tag meinen Geburtstag feierten, fühlte ich mich so, als würde ich in ein neues Leben hineingeboren. In ein Leben, das Minuten schenkt – und in jede Minute eine Kostbarkeit verpackt. Die Kostbarkeit, mit meinem Kind zu spielen. Die Kostbarkeit, Langeweile zu spüren. Die Kostbarkeit, unter Bewegungsmangel zu leiden. Die Kostbarkeit, einen ersten Schritt vor die Tür zu machen, nachdem man zwei Wochen zu Hause war.

    Müssten wir morgen unsere Taschen packen und wieder ins Exil ziehen, wäre mein erster Gedanke nicht mehr: Wie lang wird es dauern und wann ist es vorbei? Sondern dieser: Wow. Einfach nur Wow. Wow zu den Dingen, für die ich dankbar sein darf. Die Musik von Vivaldi, die ich durch Dich zu lieben begann. Der gefüllte Vorratsschrank, der besser bestückt ist als früher und aus dessen Inhalt ich neuerdings immer etwas Leckeres zaubern kann. Meine Fähigkeit, nein zu sagen, bevor es verzweifelt klingt. (…) Das Gefühl geschenkter Freiheit, jedes Mal, wenn wir, Du und ich, zum Sandkasten oder ins Freibad marschieren. Die Tatsache, dass ich seit Mitte März Yoga mache. Die Tatsache, dass ich viel öfter Kleider trage und keine Hosen mehr, die mich beengen. Das Wissen, dass meine Eltern, Deine Großeltern, besonnen bleiben und weder in Panik verfallen noch Scheuklappen aufsetzen, wenn unfassbare Dinge geschehen

    Den ganzen Brief können Sie im ENGELmagazin März/ April 2021 lesen.

     

    Barbara Pachl-Eberhart, 46, arbeitet als Autorin und Schreibpädagogin in Wien. Alle Bücher der Bestseller­autorin gibt es auch unter: www.mondhaus-shop.de. Für das ENGELmagazin geht sie auf die Suche nach den Wundern des Alltags.

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